Schmidt & Paetzel Fernsehfilme
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KuBus 75, Film 2: Chinesen in Berlin

 

In Berlin leben etwa 6000 Chinesen. Manche von ihnen sind hier heimisch geworden, haben eine Familie gegründet. Andere kommen nur für ein paar Jahre zum Studieren hierher, planen nach dem Uni-Abschluß noch einige Zeit in Deutschland zu arbeiten, um dann mit den besten Aussichten auf einen guten Job nach China zurückzukehren. Ihr Ziel ist es, in Deutschland  Erfahrungen zu sammeln, die sie China später zurückgeben können. Auch wenn sich die Chinesen in Berlin wohl fühlen, mit den deutschen Lebensverhältnissen gut klarkommen, die Sehnsucht nach der Heimat China ist dennoch allen gemein.
Einige sind schon lange hier. Wie Wu Jiang. Seit sechzehn Jahren, sagt sie. Seit 1990 also. Sie kam mit der ersten Welle von Chinesen, die nach der Niederschlagung des Aufstands vom Tiananmen, 1989, China verlassen konnten oder mußten. Zu denen, die die Kulturrevolution erlebt hatten, und zwar als Gewalt gegen ihre Eltern, und die sich nun, nach 1989, endgültig enttäuscht von China abwandten und woanders eine Zukunft suchten. Sie spricht nicht vom Tiananmen, sie sagt nur: „Seit sechzehn Jahren bin ich in Deutschland,“ aber man muß wissen, was gemeint ist. Eine baldige Rückkehr nach China stand nicht in Aussicht. Statt dessen eine Bekanntschaft und Ehe mit einem deutschen Mann, zwei Kinder, von denen das ältere, kaum im Kindergarten auf seine Mandelaugen angesprochen, sagt: „Ich will kein Chinese sein. Ich bin Deutscher!“ Und was ist seine Mutter? Ist sie noch Chinesin? Wu Jiang hat immer Heimweh. Dagegen läßt sich nichts machen. Sie ist auch oft einsam und fühlt sich ganz allein. Dabei hat sie´s so gut: Ein Häuschen, einen Mann, zwei liebenswerte Jungs. Und alle sprechen Chinesisch, der Mann auch. Das Heimweh läßt sich dennoch nicht vertreiben. Aber Wu Jiang hat ihren Weg gefunden, damit zu leben: Seit einigen Jahren unterrichtet sie Chinesisch am Gymnasium. Sie baut sich, wie sie sagt, eine Brücke. Zu dem Lande China in ihr selbst.
„China,“ sagt dagegen Zhang Hui, Studentin an der Berliner Universität der Künste, „ist immer für mich da.“ Kann man seine Heimatverbundenheit schöner ausdrücken? Nicht mehr: „Du mußt immer Deinem Vaterlande treu sein!“ sondern: „China ist immer für mich da.“ Das sagt eine junge Frau, die seit einem Jahr hier ist und sich weit vorgewagt hat. Sie probiert an sich selbst die westliche Kunst und das westliche Lebensgefühl aus. Wohnt in einer WG am Prenzlauer Berg, einer richtigen WG, mit Punks im Hof und so, sieht cool aus mit ihren locker geschnürten Stiefeln, fährt mit dem Fahrrad zur Uni, und China ist immer für sie da. Ist es etwa lange her, daß Chinesen aus der VR nur in Delegationen aus grauen schlotternden Anzügen durch die Stadt huschten? Heute Zhang Hui, die in der WG-Küche darüber sinniert, was sie so alles hinzugelernt hat im letzten Jahr. Sie ist keine Emigrantin. Sie ist auf Forschungsreise und wird einmal zu Chinas Elite zählen.
Was mit Sicherheit auch für Luo Jian gilt. Er wohnt in einem hübschen Studentenwohnheim im Grunewald und hat hier seine Freundin Liu Sha kennengelernt. Liu Sha kennt sich mit dem Leben aus, studiert Volkswirtschaft und jobbt in einer Hausverwaltung. Luo Jian kennt sich mit Tai Chi aus und gibt Kurse. Vor allem aber kennt er sich mit elektronischem Datentransfer aus; sein Studium an der Technischen Universität hat er im Lauf von zwei Jahren absolviert; seine Promotion wird nicht viel länger in Anspruch nehmen. Für die Generation der Zwanzigjährigen ist Luo Jian nicht untypisch: Es sind keine armen Schlucker, die aus China nach Europa kommen, keine Wirtschaftsflüchtlinge. Für die Bauern auf dem Land ist der Weg zu uns viel zu weit, die Hindernisse zu groß. Man muß Hürden zu nehmen verstehen, um in den Westen zu gelangen.
Oder unter einem Glücksstern geboren sein. Und Sibei mit Vornamen heißen. Die beiden Zeichen Si und Bei stehen nämlich für Strauß und Beethoven, Richard Strauß, nicht Johann. Sibeis Großvater, der ihr den Namen gab, war Musiker. Und ihr Vater ist Musiker. Sie selber ist einfach Sibei und spielt Flöte. Zur Zeit in der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker. Hierher kommen nur die Besten. Für Sibei steht die Welt offen, und Deutschland, auch wenn sie schon einige Jahre hier lebt, ist nur eine Station. Irgendwann, ja irgendwann einmal, wird sie nach China zurückgehen. Denn China ist immer für sie da.

 

Buch und Regie: Cordula Paetzel / Kamera und Schnitt: Michael Auer / Ton: Jürgen Kornatz / Produktion: Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH / Dank an: Berliner Philharmoniker, Karajan-Institut, Deutsche Grammophon, Yu Qishi und Liang Wei, Emiliana Torrini, Universität der Künste Berlin, Frauke Oesmann, Michele Fattori / Redaktion: Bruno Fischli, Detlef Gericke-Schönhagen, Hans Kohl, Christian Lüffe, Annette Rupp, Frank Werner
13'40'' / 4:3 / Stereo / F / © 2007 Bereich Film, Fernsehen, Hörfunk / Goethe-Institut