{"id":277,"date":"2020-05-28T09:17:58","date_gmt":"2020-05-28T09:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=277"},"modified":"2020-05-28T09:18:46","modified_gmt":"2020-05-28T09:18:46","slug":"jasnaja-poljana-die-russen-und-tolstoi-kommentartext-von-andreas-christoph-schmidt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=277","title":{"rendered":"Jasnaja Poljana, die Russen und Tolstoi, Kommentartext von Andreas Christoph Schmidt"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"277\" class=\"elementor elementor-277\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-8db87b7 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"8db87b7\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-af0d375\" data-id=\"af0d375\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-bfa44d3 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"bfa44d3\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p class=\"kommentartext\">10:00:44\u00a0 \u00a0Am Ende seines Lebens hatte Graf Leo Tolstoj alles, was ein Mann sich w\u00fcnschen kann. Er lebte auf seinem Landgut, er war gesund und ritt aus auf seinem rassigen Pferd, er hatte eine gro\u00dfe Familie, Kinder und Enkel.<\/p><p class=\"kommentartext\">01:07\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Welt las seine B\u00fccher, die bedeutendsten K\u00fcnstler Russlands schufen sein Portr\u00e4t. Die gr\u00f6\u00dften Geister der Epoche suchten das Gespr\u00e4ch mit ihm. Die ersten Kameraleute hielten sein Bild f\u00fcr die Nachwelt fest. Er hatte begeisterte Anh\u00e4nger, ja J\u00fcnger, in aller Welt. Gandhi z\u00e4hlte zu ihnen. Aber er war nicht gl\u00fccklich.<\/p><p class=\"kommentartext\">01:38\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Er war ein einsamer alter Mann.<\/p><p class=\"o-ton\">02:06\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: Das war vielleicht seine gro\u00dfe S\u00fcnde, da\u00df er in dem Bem\u00fchen, einfach zu sein, in Wirklichkeit immer zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenkte.<\/p><p class=\"o-ton\">02:33\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: \u00dcber seine Versuchungen mag die orthodoxe Kirche richten, die dreifach ihm gegen\u00fcber im Unrecht ist und bis heute an dem Bann gegen ihn festh\u00e4lt. Er war ein Mann, der sich qu\u00e4lte. Von Anfang an war das Physische in ihm sehr stark, und sp\u00e4ter, als er das Geistige in sich entwickelte, war er zwischen zwei M\u00fchlsteinen. Ich kenne keinen zweiten Menschen wie ihn. Diese M\u00fchlsteine mahlten einander bis an sein Lebensende.<\/p><p class=\"o-ton\">03:09\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Stimmt es, dass jeder Russe, wenn er einen Zug sieht, an Anna Karenina denkt?<\/p><p class=\"o-ton\">03:17\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: In meiner eigenen Erinnerung ist der russische Zug mit Bombardements verbunden.\u00a0 Mit dem Versuch, aus dem belagerten Leningrad herauszukommen.<\/p><p class=\"o-ton\">03:29\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: W\u00e4hrend der Blockade?<\/p><p class=\"o-ton\">03:31\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow:\u00a0 Nun ja, und wir wurden die ganze Zeit bombardiert und dann fuhr er nach Leningrad zur\u00fcck, es war unm\u00f6glich, da rauszukommen.\u00a0 Das war mein erster Zug. Und diese Waggons, in denen man zuvor H\u00e4ftlinge transportiert hatte oder Soldaten. Die Enge dort und die Angst, hinter dem Zug zur\u00fcckzubleiben, das war es, also das ist der russische Zug.<\/p><p class=\"o-ton\">04:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sp\u00e4ter, in Friedenszeiten, die Angst sich zu versp\u00e4ten.<\/p><p class=\"o-ton\">04:10\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und dann sehr viel sp\u00e4ter, denke ich, war es die Angst, keine Fahrkarte zu bekommen.<\/p><p class=\"o-ton\">04:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und noch sp\u00e4ter, das hat dann bereits Wenedikt Jerofejew verewigt, war es die Angst vor dem Kontrolleur, wenn man keine Fahrkarte hatte. Das alles ist der russische Zug. Die Jungs da dr\u00fcben, die Karten spielen, das ist der russische Zug.<\/p><p class=\"o-ton\">05:03\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: Tolstoj hatte \u00fcbrigens deutsches Blut in den Adern.<\/p><p class=\"o-ton\">05:11 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Unser russischer Graf hatte viel deutsches Blut. Ich wei\u00df nicht genau wieviel.<\/p><p class=\"kommentartext\">05:25 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Bahnstation gab es schon zu Tolstojs Tagen. Er mochte Z\u00fcge nicht, hei\u00dft es, aber er benutzte sie oft. Und in seinem Werk fahren viele Z\u00fcge.<\/p><p class=\"o-ton\">05:53\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eAlle gl\u00fccklichen Familien sind einander \u00e4hnlich, jede ungl\u00fcckliche aber ist auf ihre Art ungl\u00fccklich.\u201c<\/p><p class=\"kommentartext\">06:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der erste Satz aus \u201eAnna Karenina\u201c, der gr\u00f6\u00dfte erste Satz der russischen Romanliteratur. Geschrieben wurde er, als Tolstojs eigene Ehe noch gl\u00fccklich war. Zumindest glaubte das seine Frau, die jedes Wort f\u00fcr ihn abschrieb und wieder abschrieb.<\/p><p class=\"kommentartext\">06:23 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie wollte den Zug nicht sehen, der auf sie zurollte.<\/p><p class=\"kommentartext\">06:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eAnna Karenina\u201c im Film, England 1948. Sie wird von einem Zug \u00fcberrollt werden, so endet ihr Roman.<\/p><p class=\"kommentartext\">06:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bereits in Tolstojs Todesjahr, 1910, entstand die erste filmische Adaption, und danach mehr als zwanzig, die j\u00fcngste 2009.<\/p><p class=\"kommentartext\">07:05\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Film liebt bekanntlich die Dampflok und nahm sich mit Freuden der Selbstm\u00f6rderin an. Hier trifft es Vivien Leigh, sie war vielleicht die zarteste, verletzlichste Anna.<\/p><p class=\"kommentartext\">07:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vor ihr war Greta Garbo unter die R\u00e4der gekommen, nach ihr, v\u00f6llig durchgedreht, Tatjana Samojlowa im Film von Alexander Sarchi. Ferner Jaqueline Bisset, Sophie Marceau, zuletzt Tanja Drubitsch.<\/p><p class=\"kommentartext\">07:49\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Annas Sch\u00f6pfer starb auf einer kleinen Bahnstation. Er war auf der Flucht vor seiner Frau. Vor seinem Leben, das er als falsch und sinnlos empfand. Er wollte irgendwohin, wo es besser sei. Und kam bis Astapowo, im Kreis Lipezk, ein paar hundert Kilometer weit.<\/p><p class=\"o-ton\">08:14\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Hallo, gr\u00fc\u00df Dich! Bist Du heil zur\u00fcck? Gl\u00fcckwunsch! Ich bin in der Tulaer Gegend. Fahre nach Jasnaja Poljana.<\/p><p class=\"o-ton\">08:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich dachte, Du bleibst noch. Nun gut, dann sehen wir uns am achten.<\/p><p class=\"o-ton\">08:48\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hast du auch nichts abbekommen? Ist alles in Ordnung?<\/p><p class=\"o-ton\">09:38\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Guten Morgen Marina! Alles in Ordnung? &#8211; Das ist sch\u00f6n.<\/p><p class=\"o-ton\">09:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gott, was f\u00fcr ein zauberhafter Morgen!<\/p><p class=\"o-ton\">10:17\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Guten Morgen mein Lieber! Der Tee ist fertig! Die anderen werden auch gleich da sein!<\/p><p class=\"o-ton\">10:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Ich komme gleich, erst duschen!<\/p><p class=\"o-ton\">11:04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Lew Nikolaewitsch Tolstoj ist unser gro\u00dfer russischer Schriftsteller. In Jasnaja Poljana kam er zur Welt, und er verlebte hier mehr als sechzig Jahre. Hier schrieb er alle seine gro\u00dfen Werke, von denen die Romane Krieg und Frieden und Anna Karenina wohl die ber\u00fchmtesten sind.<\/p><p class=\"o-ton\">11:34\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wer zum ersten Mal nach Jasnaja Poljana kommt und die Grenze \u00fcberschreitet, die die ganze Welt von Jasnaja Poljana trennt, der taucht sogleich ein in die besondere Atmosph\u00e4re, die den K\u00fcnstler Leo Tolstoj so viele Jahre n\u00e4hrte.<\/p><p class=\"kommentartext\">11:53\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zwei phallische T\u00fcrmchen stehen am Eingang zum Gut. Dahinter ist noch beinah alles so, wie es zu Tolstojs Tagen war.<\/p><p class=\"kommentartext\">12:04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Birkenallee begr\u00fc\u00dft den Besucher, wenn er ein Leser ist, wie ein alte Bekannte: sie spielt ein Rolle im Roman Krieg und Frieden. Preschpekt nannten die Bauern sie auf Jasnaja Poljana, und so hei\u00dft sie auch im Roman, auf dem Gut \u201eKahle Berge\u201c des F\u00fcrsten Bolkonski.<\/p><p class=\"kommentartext\">12:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Links von ihr liegt der gr\u00f6\u00dfte der drei Seen, an seinem Ufer das Dorf, das denselben Namen tr\u00e4gt wie das Gut, zu dem es geh\u00f6rt, \u201eJasnaja Poljana\u201c.<\/p><p class=\"kommentartext\">12:38\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dieses Geb\u00e4ude, ein kleines Schl\u00f6\u00dfchen eigentlich, hei\u00dft \u201eWolkonski-Haus\u201c, hier befindet sich heute, wie auch damals, die Gutsverwaltung.<\/p><p class=\"kommentartext\">12:54\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ihm gegen\u00fcber liegen die Stallungen.<\/p><p class=\"kommentartext\">13:04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In einiger Entfernung und beinah ein wenig versteckt, das Gutshaus selbst mit seiner ber\u00fchmten Veranda. Man kann es besichtigen, alles darin ist noch so wie in den letzten Jahren Tolstojs.<\/p><p class=\"kommentartext\">13:18\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hundert Schritte westlich davon das \u201eKusmin-Haus\u201c, in dem Tolstoj seine Schule f\u00fcr die Dorfkinder eingerichtet hatte. Einen der drei Lehrer hatte er kurzerhand aus Jena mitgebracht. Heute befindet sich hier Irina Truchatschewas kleines Museum.<\/p><p class=\"kommentartext\">13:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Geht man weiter in den Park hinein, f\u00fchrt ein Weg zu Tolstojs Grab. Kein Kreuz, denn er stand unter dem Anathema, dem Bannfluch der Kirche. Tausende trugen ihn zu Grabe, aber kein Priester war unter ihnen.<\/p><p class=\"kommentartext\">13:52\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ein anderer Weg \u2013 da geht man schon ein paar Minuten \u2013 f\u00fchrt zu seinem, wie es hei\u00dft, Lieblingsplatz. Auf dieser Bank, die regelm\u00e4\u00dfig erneuert wird, habe er gern gesessen und geschrieben.<\/p><p class=\"kommentartext\">14:08\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wer noch weiter geht, l\u00e4\u00dft den Wald hinter sich und kommt an ein Fl\u00fc\u00dfchen. Man \u00fcberquert es auf h\u00f6lzerner Br\u00fccke und tritt hinaus in weites Land. Auch das, so weit man sehen kann, geh\u00f6rt zum Park von Jasnaja Poljana. Das war das Reich des jungen Grafen und angehenden Schriftstellers Leo Tolstoj.<\/p><p class=\"o-ton\">14:38\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Er hatte eine ungeheure Natur um sich herum, und es gab eine Bibliothek. Mehr braucht ein Junge nicht. Phantasien und Sujets sch\u00f6pfte er aus B\u00fcchern, und alles gemeinsam schlug sich in den Vorstellungen nieder, die er entwickelte. Und dann gab es ja noch den gro\u00dfen Bruder, der eine unglaubliche Phantasie besa\u00df. Der erz\u00e4hlte ihm die sonderbarsten Geschichten, und der J\u00fcngere glaubte an die Geschichten. Er war f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger und sagte \u201eSie\u201c zu seinem gro\u00dfen Bruder. Und dabei blieb es das ganze Leben. Was der ihm alles erz\u00e4hlte&#8230;<\/p><p class=\"kommentartext\">15:18\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nikolenka, der gro\u00dfe Bruder, war an die Stelle der fr\u00fch verstorbenen Eltern getreten.<\/p><p class=\"zitat\">15:24\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N.: Meiner Mutter erinnere ich mich gar nicht. Ich war einundeinhalb Jahr alt, als sie starb. Durch einen seltsamen Zufall ist kein einziges Bild von ihr erhalten geblieben, so da\u00df ich sie mir als reales k\u00f6rperliches Wesen nicht vorstellen kann.<\/p><p class=\"o-ton\">15:43\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Zum Beispiel gibt es den Berg der Aufschneider. Dort sind alle Menschen gl\u00fccklich, aber es ist schwer hinzukommen. Man mu\u00df drei Bedingungen erf\u00fcllen: Auf einem Brett auf einem Bein stehen, nicht an den wei\u00dfen B\u00e4ren denken, ein Jahr lang keinen Hasen essen, weder gekocht, noch gebraten, noch gebacken \u2013 dann kommst du in das gl\u00fcckliche Land.<br \/>Doch das wichtigste Geheimnis&#8230; \u00a0ja und au\u00dferdem erz\u00e4hlte er von den Ameisenbr\u00fcdern. Sie schoben Sessel zusammen, deckten T\u00fccher dar\u00fcber und versteckten sich darunter. Dort sp\u00fcrten sie die W\u00e4rme ihrer K\u00f6rper und stellten sich vor, alle Menschen seien Br\u00fcder. So wie sie. Sie ritten auf St\u00fchlen nach Moskau \u2013 immerzu wollten sie reisen.<br \/>Das wichtigste Geheimnis aber war das vom gr\u00fcnen St\u00f6cklein: Er sagte, dass er darauf all die wichtigsten W\u00f6rter geschrieben habe, wie man die Menschen gl\u00fccklich macht. Was man tun mu\u00df, damit niemand krank wird, stirbt, damit niemand streitet, und alle einander liebhaben. Und das ist das wichtigste Geheimnis, Tolstoj hat sich sein ganzes Leben damit besch\u00e4ftigt.<\/p><p class=\"o-ton\">16:59\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Und wo ist das gr\u00fcne St\u00f6cklein?<\/p><p class=\"o-ton\">17:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Das hat bis heute niemand gefunden. Aber beerdigt ist Tolstoj genau an dem Ort, wo sie als Kinder \u201eGr\u00fcnes St\u00f6cklein\u201c spielten.<\/p><p class=\"o-ton\">17:16\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Das ist ein symbolisches, ein philosophisches Bild, das gr\u00fcne St\u00f6cklein, und jeder von uns sucht es ja, wir suchen ja alle einen gewissen Inhalt, ein Ziel unseres Lebens. So suchte auch er. Aber f\u00fcr ihn war das Ziel die Bruderschaft aller Menschen. Und er schrieb im Alter: So wie ich damals daran glaubte, dass es das gr\u00fcne St\u00f6cklein wirklich gibt, so glaube ich es auch heute. Nur nicht unter vier Sesseln, sondern unter dem ganzen endlosen Firmament, f\u00fcr alle Menschen der Welt.<\/p><p class=\"o-ton\">17:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und&#8230; ich zeige Ihnen jetzt eine Fotografie von Nikolaj Tolstoj, mit seinem Bruder Lew, vor ihrer gemeinsamen Reise in den Kaukasus, denn auch dorthin folgte Tolstoj seinem Bruder.<\/p><p class=\"o-ton\">18:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Das ist er, Nikolenka. Und das ist Lew.<\/p><p class=\"kommentartext\">18:15\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nikolenka starb 1860 in Frankreich an Schwindsucht, Lew empfand ein geradezu kindliches Entsetzen:<\/p><p class=\"zitat\">18:25\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N.: Tag um Tag, Nacht um Nacht wird vergehen und mich dem Tode n\u00e4herbringen. Dies allein sehe ich, denn dies allein ist wahr. Alles andere ist unwahr.<\/p><p class=\"o-ton\">18:40\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Wie sind Sie mit Lew Tolstoj verwandt?<\/p><p class=\"o-ton\">18:43\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Lew Nikol\u00e1ewitsch ist der Gro\u00dfvater meines Gro\u00dfvaters. Ich bin der Ururenkel von Lew Tolstoj.<\/p><p class=\"o-ton\">18:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Wenn ich es richtig verstehe, sind Sie nicht der einzige Nachfahre.<\/p><p class=\"o-ton\">18:53\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Nun, Lew Nikolaewitsch und Sofja Andr\u00e9ewna hatten eine gro\u00dfe Familie, dreizehn Kinder, und heute gibt es in der Welt mehr als 300 Nachfahren.<\/p><p class=\"o-ton\">19:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Kommen die manchmal her?<\/p><p class=\"o-ton\">19:05\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Nicht nur manchmal, sondern oft. Immer im August jedes Jahres mit gerader Zahl. Auch dieses Jahr erwarten wir die gro\u00dfe Familie.<\/p><p class=\"o-ton\">19:13\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Wie viele G\u00e4ste werden Sie dann hier haben?<\/p><p class=\"o-ton\">19:15\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: An die 150 Leute.<\/p><p class=\"o-ton\">19:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Ein gro\u00dfes Familienfest&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">19:23\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Ein riesiges Familientreffen. Wir verbringen dann eine Woche gemeinsam hier auf dem Gut und leben zusammen. So wie es h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, wenn alles so geblieben w\u00e4re wie fr\u00fcher.<\/p><p class=\"o-ton\">19:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Ich w\u00fcrde Jasnaja Poljana einen Planeten auf dem Planeten nennen. Immer wenn ich herkomme, habe ich das Gef\u00fchl, als ginge ich irgendwie schr\u00e4g, wie auf einem kleinen Planeten, einer Kugel, auf der ich immerzu mit einer Neigung gehe, entweder hierhin oder dorthin, und ich kann irgendwie die Horizontale nicht ausmachen.<\/p><p class=\"o-ton\">20:18\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Erde ist hier so seltsam beschaffen. Wenn man auf die Felder schaut, dieses hier zum Beispiel, es hat so einen Buckel. Wie ein kleiner Planet. Wohin du auch schaust, \u00fcberall sind die Felder schief, \u00fcberall gibt es W\u00f6lbungen, Neigungen, Gef\u00e4lle. Mal geht das Feld gegen den Himmel, mal in die Tiefe&#8230; Mir scheint, die Landschaft ist hier auf besondere Weise eingerichtet. Und: Raum &#8211; hat f\u00fcr den K\u00fcnstler sehr gro\u00dfe Bedeutung.<\/p><p class=\"kommentartext\">21:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wer nach Tula f\u00e4hrt, l\u00e4\u00dft seinen Samowar daheim. Die Stadt r\u00fchmt sich ihrer Eisenwaren, vor allem Waffen. Ihrer speziellen Lebkuchen auch, ihrer besonders h\u00fcbschen M\u00e4dchen und ihres besonders gro\u00dfen Dichters. Jasnaja Poljana liegt nur ein paar Kilometer au\u00dferhalb.<\/p><p class=\"o-ton\">21:47\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Tatjana, waren Sie schonmal in Tula?<\/p><p class=\"o-ton\">21:49\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Zum ersten Mal.<\/p><p class=\"o-ton\">21:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Also auch noch nie in Jasnaja Poljana?<\/p><p class=\"o-ton\">21:53\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Zum ersten Mal, auch in Jasnaja Poljana.<\/p><p class=\"o-ton\">22:24\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Dort sieht man bereits sein Denkmal. So ein riesiges sowjetisches.<\/p><p class=\"o-ton\">22:32\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Ja. Diese Denkmale&#8230; warum sind sie so riesig? Weil es ein Gesetz gab, oder eher eine Regelung unter der Sowjetmacht, da\u00df f\u00fcr Denkmale ab einer Gr\u00f6\u00dfe von drei Metern eine besondere Menge Geld flo\u00df.\u00a0 Sie haben dieses Scheusal darum hingestellt, weil sie viel daf\u00fcr bekamen, nicht weil es sch\u00f6n w\u00e4re oder den Ort versch\u00f6nerte. Sehen Sie sich das an: ein scheu\u00dfliches Denkmal auf einem scheu\u00dflichen Platz. Die Gr\u00f6\u00dfe des Schriftstellers bringt das nicht zum Ausdruck.<\/p><p class=\"o-ton\">23:06\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 W\u00e4re es umgekehrt gewesen, je kleiner, um so mehr Geld, welch wunderbare Denkmale wir dann h\u00e4tten! Und nicht so was, wo Bart und Hose ineinander \u00fcbergehen.<\/p><p class=\"kommentartext\">23:17\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Im ehemaligen Klassenzimmer im Kusmin-Haus.<\/p><p class=\"o-ton\">23:25\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: So Kinder, ich sehe, Ihr versammelt euch schon, kommt mal alle her! Seht euch mal dieses Schulbuch an, es hat mit Euren B\u00fcchern keine \u00c4hnlichkeit, stimmt\u00b4s? &#8211; Na der Winkelmesser sowieso, riesig wie er ist, den kann man ja kaum wegtragen \u2013 aber das Rechenbuch selbst, ist es besser oder schlechter als Euer Rechenbuch?<\/p><p class=\"o-ton\">24:01\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Hier hatten wir Tolstoj als Lehrer, jetzt kommt Tolstoj als Schriftsteller. Er war ja Lehrer geworden, weil er wollte, da\u00df alle seine B\u00fccher lesen, nicht nur die Gebildeten und Reichen.<\/p><p class=\"o-ton\">24:25\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Wenn du spazierengehst, kannst du den \u00e4u\u00dferen Weg nehmen oder den inneren.<\/p><p class=\"o-ton\">24:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Zur Zeit von F\u00fcrst Wolkonski spielten im Zentrum am Abend Musikanten, ein kleines Hausorchester.<\/p><p class=\"o-ton\">24:47\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Zum morgendlichen Tee bitte!<\/p><p class=\"o-ton\">25:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Das ist mittlerweile v\u00f6llig offensichtlich, dass Tolstoj popul\u00e4rer ist. Er hat die h\u00f6heren Auflagen, er wird mehr gelesen, \u00fcber ihn wird mehr gesprochen, er wird h\u00e4ufiger im Internet genannt.<\/p><p class=\"o-ton\">25:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Guten Morgen, Kinder!<\/p><p class=\"o-ton\">25:47\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Ihr habt euch aber feingemacht.<\/p><p class=\"o-ton\">25:52\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitov: Die Existenzialisten haben Dostojewski sehr hochgezogen, die Psychoanalyse und die Existenzialisten, und damals hatte Dostojewski mehr Gewicht weltweit&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">26:03\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Ja, das stimmt<\/p><p class=\"o-ton\">26:04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitov: Aber ich habe eine ganz einfache Entdeckung gemacht. Genauer gesagt, nicht ich, sondern meine Zunge. Man macht das ganz automatisch. Wenn man sagt \u2013 Tolstoj und Dostojewski, dann klingt es normal. Aber wenn man sagt: Dostojewski und Tolstoj, dann will einem die Zunge nicht gehorchen.\u00a0 Dann ist es bereits ein Gegensatz.<\/p><p class=\"o-ton\">26:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Wenn man sagt: Dostojewski und Tolstoj?<\/p><p class=\"o-ton\">26:29\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: Ja. Das ist dann schon ein Gegensatz. Tolstoj und Dostojewski hingegen h\u00f6rt sich normal an, das geht wie in einem Fluss.<\/p><p class=\"o-ton\">26:37\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj:\u00a0 Also diese Abfolge ist dann &#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">26:40\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: &#8230; nat\u00fcrlicher. Wobei Dostojewski um sieben Jahre fr\u00fcher zur Welt kam.<\/p><p class=\"o-ton\">26:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Kam auch eher heraus, 1881.<\/p><p class=\"o-ton\">26:48\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: Nein. Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass der eine im Krieg gek\u00e4mpft hatte und der andere im Gef\u00e4ngnis gewesen war. Tolstoj beneidete Dostojewski, als er die \u201eAuferstehung\u201c schrieb, weil er nicht gesessen hatte, und Dostojewski steckte seine Nase andauernd in die Kriegspolitik&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">27:07\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Ja!<\/p><p class=\"o-ton\">27:08\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitov: &#8230;weil er nie im Krieg gewesen war.<\/p><p class=\"o-ton\">27:12\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Erstaunlich, dass sie sich nie begegnet sind.<\/p><p class=\"o-ton\">27:16\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Zum Gl\u00fcck! Was w\u00e4re daraus blo\u00df geworden. Da h\u00e4tte man die Galle in K\u00fcbeln raustragen k\u00f6nnen, und zwar von beiden, die h\u00e4tten sich v\u00f6llig unn\u00f6tigerweise mit ihrer Galle besch\u00e4ftigt.<\/p><p class=\"o-ton\">27:26\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Aber es hat Versuche gegeben&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">27:28\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Strachow hat versucht&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">27:29\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Strachow hat sich um ein Treffen bem\u00fcht \u2026<\/p><p class=\"o-ton\">27:31\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Und Alexandra Andrejewna auch.<\/p><p class=\"o-ton\">27:33\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Da w\u00e4re nichts bei herausgekommen. Die h\u00e4tten sich nicht unterhalten k\u00f6nnen. Jeder von ihnen war ein eigenes Universum.<\/p><p class=\"o-ton\">27:39\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: &#8230; oder es w\u00e4re ein sehr seltsames Gespr\u00e4ch dabei herausgekommen.<\/p><p class=\"o-ton\">27:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Aber, Tolstoj und Tschechow, das ging gut &#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">27:46\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Das ist ganz was anderes.<\/p><p class=\"o-ton\">28:12 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Wie viele Kinder hatte Tolstoj eigentlich, dreizehn, oder?<\/p><p class=\"o-ton\">28:17\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Dreizehn von Sofja Andrejewna, sagen wir\u00b4s mal so.<\/p><p class=\"o-ton\">28:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Und im Dorf, gab\u00b4s da auch Kinder?<\/p><p class=\"o-ton\">28:26\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Nun, das bekannte Kind von Aksinja Basykina, Timofej&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">28:31\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Der ist sozusagen unbestritten.<\/p><p class=\"o-ton\">28:33\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Unbestritten.<\/p><p class=\"o-ton\">28:34\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Hat er Nachfahren?<\/p><p class=\"o-ton\">28:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Nein. Timofej hatte keine Kinder, wenn ich mich nicht irre. Aber es gibt sogar eine Geheimgesellschaft der unehelichen Kinder Tolstojs, Kinder des Leutnants Schmidt sozusagen&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">28:56\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Und ich habe die unwahrscheinlichsten Leute getroffen. Eine Zeit lang fuhr ich regelm\u00e4\u00dfig ins Gef\u00e4ngnis. Weil ich von dort einen sehr r\u00fchrenden Brief bekommen hatte, viele Seiten lang&#8230;.<\/p><p class=\"o-ton\">29:17\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Mit einer Anspielung, der Absender sei ein&#8230;.<\/p><p class=\"o-ton\">29:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Keine Anspielung, sondern er schrieb ganz offen: Meine Oma oder Uroma, die war schwanger von Lew Nikolajewitsch und wurde in ein anderes Dorf umgesiedelt. Dort lebte sie dann.<\/p><p class=\"o-ton\">29:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: In letzter Zeit wurde viel \u00fcber Tolstojs Familienverh\u00e4ltnisse und sein Familiendrama gesprochen. War er in der Ehe ein ungl\u00fccklicher Mensch?<\/p><p class=\"o-ton\">29:56\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Ich w\u00fcrde das nicht so sagen. Erstens war die Ehe sehr lang, 48 Jahre. Darin gab es sehr viel Gl\u00fcck, besonders in den ersten Jahren. Und der mittlere Teil des Lebens. Nat\u00fcrlich, zum Lebensende hin hatte Tolstoj mehr Anla\u00df zu Verbitterung, Leid, Entr\u00fcstung, Aufregung. Aber dennoch, wenn man eine Bilanz zieht dieses Lebens, kann man ihn auf keinen Fall einen ungl\u00fccklichen Menschen nennen. Auch in der Ehe nicht.<\/p><p class=\"o-ton\">30:28\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: In Novelle \u201eKreutzersonate\u201c wirft der Protagonist einen marmornen Briefbeschwerer nach seiner Frau. Und im Gegenroman von Sofija Andrejewna wirft er ebenfalls einen Briefbeschwerer. Und t\u00f6tet sie.\u00a0 Bereits Pierre\u00a0 &#8211; \u201eKrieg und Frieden\u201c\u00a0 &#8211; droht seiner Frau, nicht mit einem Briefbeschwerer, &#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">30:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8230; das w\u00e4re zu wenig f\u00fcr den Riesen, sondern gleich mit einer marmornen Tischplatte &#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">30:55\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Und das war lange vor der \u201eKreutzersonate\u201c!<\/p><p class=\"o-ton\">30:59\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Ein Detektiv w\u00fcrde die Vermutung anstellen, dass dieser Briefbeschwerer auch im Leben geflogen ist.<\/p><p class=\"o-ton\">31:04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Dass er irgendwie im Unterbewusstsein war. Oder in der Wirklichkeit?<\/p><p class=\"o-ton\">31:11\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: In der Realit\u00e4t.<\/p><p class=\"o-ton\">31:14\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Nat\u00fcrlich gab es emotional aufgeladene Szenen zwischen den Eheleuten. Ich habe keinen Beleg daf\u00fcr, dass schwere Gegenst\u00e4nde durch die Zimmer geflogen sind. Aber schwerwiegende Worte, Worte, die vielleicht genauso verletzend waren wie ein Briefbeschwerer, sind geflogen. Emotional wurden manchmal Dinge gesagt, die schwerer wogen als ein Briefbeschwerer.<\/p><p class=\"zitat\">32:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N.: &#8230;wenn jemand Anla\u00df h\u00e4tte ins Wasser zu gehen, so w\u00e4re es keinesfalls sie, sondern ich&#8230; Ich w\u00fcnsche nur eines: Freiheit von ihr, von dieser L\u00fcge, Verstellung und Bosheit, von der ihr ganzes Leben durchdrungen ist&#8230; Alles, was sie mir angetan hat, zeugt nicht von Liebe, sondern scheint den offenkundigen Zweck zu haben, mich umzubringen&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">32:28\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Dieses Gespr\u00e4ch \u00fcber Tolstoj und Sofija Andrejewna, ist es wichtig oder entscheidend?<\/p><p class=\"o-ton\">32:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: F\u00fcr den Schriftsteller Tolstoj nicht und auch f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis von ihm ist es wohl nicht ausschlaggebend. Man k\u00f6nnte fast denken, Tolstoj sei durch seine Ehe ber\u00fchmt geworden und nicht durch seine Romane. Und das stimmt ja nicht. Tolstoj ist nicht durch die Ehe Schriftsteller geworden.<\/p><p class=\"o-ton\">32:56\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Sondern?<\/p><p class=\"o-ton\">32:58\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Was?<\/p><p class=\"o-ton\">33:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Wodurch wurde er Schriftsteller?<\/p><p class=\"o-ton\">33:03\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Durch den Krieg wahrscheinlich.<\/p><p class=\"o-ton\">33:06\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Ja.<\/p><p class=\"o-ton\">32:10\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Unter anderem.\u00a0<\/p><p class=\"o-ton\">33:16\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Unter anderem durch den Krieg.<\/p><p class=\"o-ton\">33:27\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Und du selbst, was hat Dich zum Schriftsteller gemacht?<\/p><p class=\"o-ton\">33:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Die Luft meiner Kindheit und der Krieg. Aus diesen beiden Dingen entsteht Literatur. Meine.<\/p><p class=\"o-ton\">33:46\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Was verbindet deine Arbeit mit dem Werk Tolstojs?<\/p><p class=\"o-ton\">33:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Nein, das ist dumm, dieses Thema zu er\u00f6rtern, ich sage das ohne falsche Koketterie, f\u00fcr mich ist Tolstoj zweifellos ein Gigant, und was k\u00f6nnte eine Pyramide und einen kleinen Schatten schon verbinden? Ich kann nur mit tiefer Verneigung und mit geheimen Schrecken vermuten, dass es Dinge gab, die Tolstoj zur literarischen Arbeit gebracht haben, die auch f\u00fcr mich eine Rolle spielten. Aber das ist nur ein Zufall.<\/p><p class=\"o-ton\">34:32\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Sprichst du vom Krieg?<\/p><p class=\"o-ton\">34:35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Ich spreche von&#8230; Ein russischer Schriftsteller hat gesagt, dass die Luft der Kindheit beim Bau der ersten schriftstellerischen Dinge verbraucht wird. Die Luft der Kindheit. Und bekanntlich hat Tolstoj mit der Erz\u00e4hlung \u201eKindheit\u201c begonnen. Sp\u00e4ter diente er dann bei milit\u00e4rischen Eins\u00e4tzen im Kaukasus und in Sewastopol. Das war wie ein Pendel, seine Kindheit war vielleicht gar nicht unbedingt so gl\u00fccklich, aber dennoch spiegelt sich in seiner Erz\u00e4hlung \u201eKindheit\u201c\u00a0 das absolute Gl\u00fcck, das Kindergl\u00fcck, und das Pendel schwang dann hin\u00fcber in die absolute H\u00f6lle von Sewastopol. Aus dieser Pendelbewegung zwischen Gl\u00fcck und H\u00f6lle wurde der Schriftsteller geboren, wenn du aus einem Zustand in einen v\u00f6llig gegens\u00e4tzlichen geworfen wirst.<\/p><p class=\"kommentartext\">35:29\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Krieg und Schreiben. Im Krieg war Tolstoj Schriftsteller geworden. Aus dem Kaukasus hatte er seine erste Erz\u00e4hlung, \u201eKindheit\u201c an einen Verleger geschickt. 1854\/55 nahm er am Krimkrieg teil und erlebte die Verteidigung und den Fall Sewastopols an vorderster Front. Der Krimkrieg ist der erste in Fotografien dokumentierte Krieg der Geschichte. Der Engl\u00e4nder Roger Fenton ist der erste Kriegsfotograf. Die fr\u00fchen Fotos, sagt man, haben das Bild vom Krieg in der \u00d6ffentlichkeit grundlegend ver\u00e4ndert und ihm seine Aura von Abenteuer und Gr\u00f6\u00dfe genommen. Eine mit Kanonenkugeln \u00fcbers\u00e4te Stra\u00dfe im \u201eTal der Schatten des Todes\u201c. Das Bild des Krieges ver\u00e4ndert haben auch die Berichte des Unterleutnants Graf Tolstoj. Seine \u201eSewastopol-Erz\u00e4hlungen\u201c machten ihn ber\u00fchmt. Aus einem Brief Tolstojs an seinen Bruder Sergej:<\/p><p class=\"zitat\">36:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L. N.: Ich bin noch kein einziges Mal im Kampf gewesen, aber ich danke Gott, da\u00df ich diese Menschen gesehen habe. (\u2026) Man mu\u00df die gefangenen Franzosen und Engl\u00e4nder sehen, besonders die letzteren: das sind ausgesuchte Prachtkerle, moralisch sowohl als physisch. Die Kosaken sagen, es t\u00e4te ihnen sogar leid, diese Leute zu t\u00f6ten.<\/p><p class=\"o-ton\">36:59\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Bei Tolstoj ist das v\u00f6llig klar, h\u00e4tte er nicht den Kaukasus und Sewastopol erlebt, dann h\u00e4tte es \u201eKrieg und Frieden\u201c nicht gegeben, denn das, was er dort mit eigenen Augen gesehen hat, das sind seine Vorstellungen von menschlicher Tapferkeit, vom Tod, davon, wie sich ein Mensch an dieser Grenzlinie bewegt. Das sah er und begriff es, als er selbst auf dieser Grenzlinie stand. Da lag der Ursprung seiner Schriftstellerei, in der Empfindung eines Menschen in einer Extremsituation, wo er jeden Moment fallen und verschwinden kann. Tolstoj mit seinem sehr schwierigen Verh\u00e4ltnis zum Tod, er war aus Sewastopol nach Moskau mit dem Ruf eines sehr mutigen Offiziers gekommen. Er war ein tadellos mutiger und willensstarker Mensch, auch in seiner weiteren Biografie und in seiner Duellgeschichte, an die er sich dann sehr viel sp\u00e4ter erinnerte. \u201eWas f\u00fcr S\u00fcnden ich in meinem Leben begangen habe, ich habe Menschen im Krieg get\u00f6tet, ich habe andere zum Duell herausgefordert, um sie zu t\u00f6ten.\u201c Daf\u00fcr gei\u00dfelte er sich. Und es waren ja auch wirklich schreckliche Taten, wie wird man das da oben sehen? Aber er gei\u00dfelte sich, und das machte ihn zu dem, der er war. Ich bin mir nicht sicher, ob er der, wie ich finde, gr\u00f6\u00dfte Schriftsteller der Welt geworden w\u00e4re ohne diese albtraumhaften Situationen, ohne diese S\u00fcnden &#8211; wobei ich nicht wei\u00df, ob es eine S\u00fcnde ist, wenn man im Krieg jemanden umbringt &#8211; aber ohne dieses seelische Grauen, das er erlebt hatte.<\/p><p class=\"kommentartext\">38:46\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Unterleutnant Tolstoj im Kreis von Schriftstellerkollegen. Sein Erfolg stand au\u00dfer Zweifel. Doch er hatte bereits erkannt, dass nicht die Literatur seine eigentliche Aufgabe sei, sondern nichts weniger als die Gr\u00fcndung einer neuen Religion.<\/p><p class=\"zitat\">39:01\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N. &#8230;einer praktischen Religion, die keine k\u00fcnftige Seligkeit verhei\u00dft, aber die Seligkeit auf Erden verleiht.<\/p><p class=\"o-ton\">39:22\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Tatjana, sind Sie auch mit Leo Tolstoj verwandt?<\/p><p class=\"o-ton\">39:31\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Wir sind ein j\u00fcngerer Nebenzweig, sozusagen, von Pjotr Andrejewitsch Tolstoj.\u00a0 Lew Nikolajewitsch ist unser ber\u00fchmter Verwandter. Und wir sind die kleinen Verwandten.<\/p><p class=\"o-ton\">39:46\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Ach wieso? Sie haben doch auch einen ber\u00fchmten Gro\u00dfvater!<\/p><p class=\"o-ton\">39:50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Na nicht in diesem Ma\u00dfe, das kann man nicht vergleichen. Lew Nikolajewitsch ist so ber\u00fchmt, so gro\u00df, dass sich jeder neben ihm nur klein vorkommen kann.<\/p><p class=\"kommentartext\">40:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Alexej Tolstoj, 1882 \u2013 1945, russischer Schriftsteller, nach dem Tode Gorkis (1936) Vorsitzender des sowjetischen Schriftstellerverbands.<\/p><p class=\"o-ton\">40:15\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Der Gedanke da\u00df Leo Tolstoj der Vorl\u00e4ufer Lenins gewesen sei&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">40:20\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Er war kein Vorl\u00e4ufer Lenins.<\/p><p class=\"o-ton\">40:22\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Er stammt nicht von mir&#8230;<\/p><p class=\"o-ton\">40:24\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Ich verstehe, aber selbst wenn er von Ihnen stammte&#8230;. Nein, er war kein Vorg\u00e4nger Lenins, gar nicht.<\/p><p class=\"o-ton\">40:32\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: War er ein Revolution\u00e4r?<\/p><p class=\"o-ton\">40:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Er war ein Dissident, nennen wir es so. Und zwar ein Dissident einer besonderen Art: Ihm war die ganze Welt nicht recht. Nichts in dieser Welt lie\u00df er gelten. Er war eins von diesen gigantischen Loch-Ness-Ungeheuern. Er war an die Oberfl\u00e4che gekommen und war gegen alles. Solche gab es vielleicht mal vor Millionen\u00a0 Jahren, jetzt sind sie ausgestorben. Ihm passte gar nichts, ihm missfiel die Gesellschaft, die Situation der Frau in der Gesellschaft, das Verh\u00e4ltnis der Frau zum Mann, das Verh\u00e4ltnis des Mannes zur Frau, ihm missfiel, dass der Mann ein Mann ist, ihm missfiel, dass der Mann sich zur Frau hingezogen f\u00fchlt, und er wollte sich daf\u00fcr vernichten, ihm schien, das sch\u00e4ndlich, elendig und furchtbar. Das ganze sexuelle Leben, nicht nur der anderen, sondern vor allem sein eigenes, gefiel ihm ganz und gar nicht, und er wollte, dass es das nicht g\u00e4be.\u00a0 Er wollte, dass die Lebewesen anders eingerichtet w\u00e4ren, dass sie nicht kopulieren und sich vermehren m\u00fcssen. Seine Proteste dagegen, wie Gott diese Welt eingerichtet hat, gingen zuweilen so weit, dass er meinte, es sei besser, wenn es diese Welt \u00fcberhaupt nicht g\u00e4be.<\/p><p class=\"o-ton\">41:52\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Er war gegen die Welt. Aber er h\u00e4tte sie nicht bl\u00f6dsinnig zerst\u00f6rt, wie der von Ihnen erw\u00e4hnte Lenin. Lenin war ein widerliches, b\u00f6sartiges Wesen, das sich nur eine Aufgabe gestellt hatte \u2013 alles zu zerst\u00f6ren, alles r\u00e4chen. Sei es den Tod seines Bruders, sei es, dass er kleinw\u00fcchsig und glatzk\u00f6pfig war und einen Sprachfehler hatte, er war ein kleines, b\u00f6sartiges Mistst\u00fcck &#8211; ein schlechter Journalist &#8211; und alles, was er im Leben tat, war Zerst\u00f6rung. Er hat zerst\u00f6rt, was unter M\u00fchen geboren und geschaffen worden war. Lew Nikolajewitsch aber hat immer nur geschaffen, geschaffen und geschaffen. Wenn er etwas zerst\u00f6rte, dann sich selbst, wenn er etwas verurteilte, dann sich selbst. Und w\u00e4hrend er sich selbst bestrafte, nahm er den Menschen nat\u00fcrlich eine Menge Dinge, er nahm ihnen die B\u00fccher, die er nicht schrieb. Stattdessen war er dem\u00fctig und bescheiden und fertigte den Bauern Stiefel. Die Stiefel gerieten schlecht, sehr schlecht, die B\u00fccher hingegen w\u00e4ren hervorragend geraten. Dieser Mann, wenn der etwas machte, dann in gro\u00dfem Stil. Er versuchte, den K\u00fcnstler in sich zu t\u00f6ten, aber er schaffte es nicht ganz, er war nicht tot.<\/p><p class=\"kommentartext\">43:03\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Je \u00e4lter Tolstoj wurde, um so mehr misstraute er der literarischen Arbeit, um so karger wurde er.<\/p><p class=\"zitat\">43:10\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N.: Kunst ist L\u00fcge, und ich kann die sch\u00f6ne L\u00fcge nicht mehr lieben.<\/p><p class=\"kommentartext\">43:15\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eKrieg und Frieden\u201c in der sowjetischen Massenauflage. Aus seinem sp\u00e4teren Werk ragt d\u00fcster die \u201eKreutzersonate\u201c heraus, der Monolog eines Mannes, der seine Frau ermordet hat. Die aufs D\u00fcrftigste reduzierte Rahmenhandlung \u2013 eine Zugfahrt. Immerzu Z\u00fcge. Nicht den M\u00f6rder trifft die Schuld, sondern seine Frau. Das Weib. Dieses Weib war f\u00fcr alle Welt zu erkennen, Sofja Andrejewna, Tolstojs Gattin. Man glaubt kaum, da\u00df beide B\u00fccher aus derselben Feder stammen.<\/p><p class=\"o-ton\">43:52\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstaja: Durch den einen Text hindurch k\u00f6nnen sie den anderen lesen. Das hei\u00dft, wenn Sie nichts wissen, und \u201eKrieg und Frieden\u201c lesen wollen, dann werden Sie, wenn sie das Buch beim ersten Mal bezwingen k\u00f6nnen, was davon abh\u00e4ngt, wie Sie sich darauf vorbereitet haben, dann werden Sie nach der Lekt\u00fcre etwas benommen und still sein, denn Sie haben sich in einem anderen Land aufgehalten. Sie wussten nicht, da\u00df es dieses Land gibt, es ist weit weg \u2013 und lange her. Und sie haben es durchlaufen (und durchfahren), und nun sind all diese Personen f\u00fcr immer bei\u00a0 Ihnen, Sie sind von ihnen umgeben. Sie k\u00f6nnen niemanden von ihnen mehr vergessen, Sie k\u00f6nnen nicht mehr von der Art des Denkens lassen. Sie sind bereits erobert. Wenn Sie gar nichts gelesen haben von Tolstoj und sich die \u201eKreutzersonate\u201c vornehmen, kann es passieren, dass Sie das Buch w\u00fctend wegwerfen. Nicht weil es schlecht geschrieben w\u00e4re, sondern damit es Sie nicht\u00a0 bel\u00e4stigt, es ist wie ein lebendiges Wesen, Sie schmei\u00dfen es weg wie eine Schlange, es ist wie eine Kobra, kommt immer wieder angekrochen und will Ihnen L\u00f6cher ins Gehirn bei\u00dfen. Ja, das sind verschiedene Teile ein und desselben Menschen. Wenn Sie beides gelesen haben, dann k\u00f6nnen sie sehen, wie das eine im anderen durchscheint, wie man das eine durch das andere liest. Dann k\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass die \u201eKreutzersonate\u201c von dem Menschen geschrieben wurde, der diese wundervollen Welten in \u201eKrieg und Frieden\u201c geschaffen hat. Das k\u00f6nnen Sie.<\/p><p class=\"o-ton\">45:39\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Ist Krieg und Frieden ein Familienroman?<\/p><p class=\"o-ton\">45:42\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: F\u00fcr mich ja! Nat\u00fcrlich, denn im Mittelpunkt stehen zwei Familien, die Bolkonskis und die Rostows, das sind die Familien der Mutter und des Vaters von Lew Nikolajewitsch. Daher ist der Roman absolut eine Familiensaga. Er hat nicht einmal die Vornamen ver\u00e4ndert, nur jeweils einen Buchstaben im Familiennamen.<\/p><p class=\"o-ton\">46:06\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der alte F\u00fcrst Bolkonski, Nikolaj Sergejewitsch Bolkonski, ist sein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, F\u00fcrst Nikolaj Sergejewitsch Wolkonski. Und Graf Ilja Andrejewitsch Rostow ist sein Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits \u2013 Graf Ilja Andrejewitsch Tolstoj.<\/p><p class=\"o-ton\">46:28\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auch die \u00c4hnlichkeit der Familiennamen zeigt, dass Lew Nikolajewitsch nicht verbergen wollte, dass seine Gro\u00dfv\u00e4ter die Prototypen seiner Protagonisten waren. Genauso, wie F\u00fcrstin Mar\u2018ja Tolstojs Mutter ist \u2013 Mar\u2018ja Nikol\u00e1ewna, und als Prototyp f\u00fcr Nikolaj Rost\u00f3w sein Vater Nikolaj Iljitsch Tolstoj diente. Absolut eine Familiensaga.<\/p><p class=\"kommentartext\">46:55\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Angeh\u00f6rigen waren drauf und dran, in den Roman wie in eine vor dem Haus wartende Kutsche einzusteigen, schrieb der scharfsinnige Viktor Schklowski, einer der gro\u00dfen Literaturwissenschaftler.<\/p><p class=\"kommentartext\">47:07\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Krieg und Frieden ist das gro\u00dfe Sittengem\u00e4lde, in dem das ganze Land sich erkannte. Erste Verfilmung 1915, die letzte 2007. Dazwischen Sergej Bondartschuks Mammutwerk von 1967.<\/p><p class=\"kommentartext\">47:29\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Film folgt dem Buch sehr treu, daher auch seine enorme L\u00e4nge von beinahe 7 Stunden. Napoleons Angriff auf Russland, seine Siege und seine endg\u00fcltige Niederlage.<\/p><p class=\"kommentartext\">47:46\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und vor dem Hintergrund des Krieges die emblematischen Situationen aus dem Leben des russischen Adels: H\u00f6fische Gesellschaft,<\/p><p class=\"kommentartext\">48:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 w\u00fcste Gelage,<\/p><p class=\"kommentartext\">48:10\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 das Duell,<\/p><p class=\"kommentartext\">48:25\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 gl\u00e4nzende Feste,<\/p><p class=\"kommentartext\">48:31\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Jagd.<\/p><p class=\"kommentartext\">48:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eine Szene, die ohne Pulverdampf und Massen von Statisten auskommt, hatte die st\u00e4rkste Wirkung: Nataschas Tanz. Wer Natascha Rostowa nicht kennt, kennt Ru\u00dfland nicht. Das kleine Komte\u00dfchen, franz\u00f6sisch erzogen, und dennoch beherrscht sie den russischen Tanz, den man gar nicht erlernen kann. Zahllose M\u00e4dchen in Ru\u00dfland ahmen bis auf den heutigen Tag Natascha nach; sie ist zu einer allgegenw\u00e4rtigen Figur geworden. Wem aber war sie selbst nachempfunden, sie und die anderen Helden des Romans? Irina Truchatschewa meint nicht, da\u00df es sich bei Krieg und Frieden um die Saga der Familie Tolstoj handelt.<\/p><p class=\"o-ton\">49:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Tolstoj schrieb in dem Entwurf zu einem Vorwort, da\u00df es sich bei den Figuren des Romans um historische und halbhistorische Personen handelt&#8230;<\/p><p class=\"kommentartext\">49:30\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Historisch: Napoleon, Zar Alexander I., die Gener\u00e4le Kutusow, Bagration.<\/p><p class=\"o-ton\">49:42\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Unter halbhistorischen Figuren verstand er eine Gruppe von sehr bekannten Protagonisten, von denen einige leicht zu entschl\u00fcsseln sind. Wassili Denissow ist Denis Wassiljewitsch Dawydow, der Held des Partisanenkrieges von 1812.<\/p><p class=\"o-ton\">50:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fjodor Dolochow \u2013 Fjodor Tolstoj, der sogenannte Amerikaner, Onkel zweiten Grades von Tolstoj. Das war eine ber\u00fcchtigte Pers\u00f6nlichkeit, er wurde mehrfach von Schriftstellern beschrieben, weil seine Biografie schon ein Roman f\u00fcr sich war. Elf Gegner beim Duell get\u00f6tet, Held in der Schlacht von Borodino, schwer verletzt\u00a0 im Kampf gegen die Franzosen &#8211; der dr\u00e4ngte einfach in den Roman.<\/p><p class=\"kommentartext\">50:24\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fedor Dolochow im Film. Ihm geh\u00f6rt die einpr\u00e4gsame Szene vom Saufen auf dem Fensterbrett. Alles spricht daf\u00fcr, da\u00df Tolstoj sie nicht erfunden hat.<\/p><p class=\"kommentartext\">50:45\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fedor Dolochow, wie auch Fedor Tolstoj, fehlte anscheinend das Gen der Angst. Er war vollkommen furchtlos. Aber auch mitleidlos, ja herzlos.<\/p><p class=\"kommentartext\">51:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und am Ende gl\u00fccklos.<\/p><p class=\"kommentartext\">51:16\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fedor Tolstoj in einer Federzeichnung Alexander Puschkins, der sich fast einmal mit ihm duelliert h\u00e4tte und ihm sp\u00e4ter eine Rolle in seinem Eugen Onegin gab.<\/p><p class=\"o-ton\">51:32\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Diese Menschen waren miteinander verbunden, das war ein bestimmter Kreis. Und wenn man anf\u00e4ngt, die anderen Protagonisten zu entschl\u00fcsseln, dann ist es wie das L\u00f6sen einer Rechenaufgabe. Am Anfang stand nur ein Faktum. Ich erfuhr, dass F\u00fcrst Petr Wjasemski, ein enger Freund von Fjodor Tolstoj und Denis Dawydow, in Zivil an der Schlacht von Borodino teilgenommen hatte.<\/p><p class=\"o-ton\">52:22\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Danach wollte ich mir sein \u00c4u\u00dferes einmal genauer und aufmerksamer ansehen. Wir fanden ein Portr\u00e4t von Pjotr Wjasemski und verglichen es mit der ersten Illustration zu \u201eKrieg und Frieden\u201c, die noch unter Anweisung von Lew Tolstoj angefertigt wurde. Da stellte sich heraus, dass es ein und dasselbe Gesicht war. Und nicht nur das Gesicht, sondern auch sein Anzug, dieselben Details bei der Kleidung. Die Illustration war also buchst\u00e4blich vom Wjasemski-Portr\u00e4t abgemalt worden.<\/p><p class=\"o-ton\">53:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bleibt noch der letzte, der geheimnisvollste, der erstaunlichste Protagonist des Romans \u2013 das ist F\u00fcrst Andrej, ein Held, der bei Tolstoj unbedingt sterben musste, das hatte er sich von Anfang an so ausgedacht. Er wollte anfangs, dass Andrej in der von Schlacht von Austerlitz f\u00e4llt. Aber dann hat er ihn bewahrt und ihm das Leben verl\u00e4ngert.<\/p><p class=\"o-ton\">53:43\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Wer also ist er. Er muss in Verbindung stehen mit allen anderen. Er kommt ums Leben. Da gibt es nur einen in der russischen Geschichte heraus, der F\u00fcrst Andrej gleichkommt, der ihm ebenb\u00fcrtig ist an Verstand und an Taten \u2013 das ist Alexander Sergejewitsch Puschkin.<\/p><p class=\"o-ton\">54:01\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Alexander Puschkin, Russlands gro\u00dfer Dichter, hier in einer seiner Zeichnungen. Puschkin wurde 1837 im Duell get\u00f6tet.<\/p><p class=\"o-ton\">54:14\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Einen anderen gibt es nicht in der von Tolstoj beschriebenen Epoche, der diesen Platz einnehmen k\u00f6nnte. F\u00fcrst Andrej, seine Braut, alles, was mit der Braut geschah und sogar die Umst\u00e4nde der Bekanntschaft mit ihr beim Ball, der erste Ball von Natascha, auf dem F\u00fcrst Andrej sie zum ersten Mal sieht und sie sich als seine zuk\u00fcnftige Frau vorstellt \u2013 das sind alles Z\u00fcge aus der Biografie von Alexander Puschkin. Es handelt sich also um die herausragendsten und gl\u00e4nzendsten Vertreter der Epoche. Anders konnte es auch gar nicht sein.<\/p><p class=\"o-ton\">55:02\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Truchatschewa: Damit bleibt nur noch die Frage, wer Natascha war, die bezaubernde weibliche Hauptfigur des Romans. Tolstojs Schw\u00e4gerin glaubte bis an ihr Lebensende, sie selbst sei Natascha Rostowa, aber schon wenn man nach dem \u00c4u\u00dferen urteilt, kommt man, zu einem anderen Schlu\u00df: Dass sich hier ein bezauberndes Wesen verbarg, eine Herzensbrecherin mit zahllosen Verehrern. Und so sind auch alle Helden des Romans in Natascha verliebt, jeder dieser vier liebte sie auf seine Weise. Man darf daher vermuten, da\u00df hinter Natascha Rostowa Natascha Gontscharowa steht, der \u201eStern des Nordens\u201c, Puschkins Gattin, die eine so tragische Rolle in seinem Leben spielte und eine gl\u00e4nzende Spur in unserer Kultur und Literatur hinterlassen hat.<\/p><p class=\"kommentartext\">56:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kaum 50 km s\u00fcdlich von Jasnaja Poljana, aber irgendwie schon in einer anderen Welt, weites Land, liegt Pirogowo, dessen kleines Gutshaus Tolstojs \u00e4lterer Bruder Sergej bewohnte. Tolstoj war gern hier und schrieb hier seine Novelle Hadschi Murat.<\/p><p class=\"kommentartext\">56:54\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Den Helden dieser Erz\u00e4hlung gab es wirklich. Hadschi Murat war ein tschetschenischer Krieger, der zu den Russen \u00fcberlief und von ihnen umgebracht wurde. Eine wahre Geschichte aus dem Tschetschenienkrieg. Dem vor anderthalb Jahrhunderten.<br \/>Die Erz\u00e4hlung erschien erst nach dem Tode Tolstojs, beinah gleichzeitig \u00fcbrigens in deutscher \u00dcbersetzung.<\/p><p class=\"kommentartext\">57:21\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andrej Bitov h\u00e4lt sie f\u00fcr Tolstojs letztes Werk und m\u00f6chte ihr ein Denkmal setzen.<\/p><p class=\"kommentartext\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das hei\u00dft, eigentlich der Distel, mit welcher die Erz\u00e4hlung beginnt:<\/p><p class=\"o-ton\">57:41\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj: Ich ging quer \u00fcber die Felder nach Hause. Es war mitten im Hochsommer. Das Heu war bereits abgeerntet, man ging daran, den Roggen zu m\u00e4hen.<br \/>Ich hatte einen gro\u00dfen Strau\u00df verschiedener Blumen gesammelt, als ich im Graben eine pr\u00e4chtige himbeerfarbene, in voller Bl\u00fcte stehende Distel erblickte, von der Art, die man bei uns Tatarendistel nennt, und beim M\u00e4hen vorsichtig umgeht (; falls sie jedoch zuf\u00e4llig von der Sense getroffen wird, sorgf\u00e4ltig aus dem Heu ausliest. Ich wollte diese Distel pfl\u00fccken und mitten in meinen Strau\u00df setzen). Ich stieg in den Graben hinab, vertrieb eine pelzige Hummel, die sich an der Bl\u00fcte festgesogen hatte und darin s\u00fc\u00df und sanft eingeschlummert war, und machte mich daran, die Bl\u00fcte zu pfl\u00fccken. Das war jedoch keineswegs leicht, nicht nur da\u00df der stachlige Stengel, selbst nachdem ich meine Hand mit dem Taschentuch umwickelt hatte, nach meinen Fingern stach: er war auch so widerstandsf\u00e4hig und fest, da\u00df ich wohl f\u00fcnf Minuten lang f\u00f6rmlich mit ihm k\u00e4mpfte und jede Faser einzeln durchrei\u00dfen mu\u00dfte. Als ich die Blume endlich gepfl\u00fcckt hatte, war der Stengel schon ganz zerfetzt und zerfasert, und auch die Bl\u00fcte selbst schien nicht mehr so frisch und sch\u00f6n. \u00dcberdies passte sie mit ihrer plumpen, groben Form nicht recht unter die \u00fcbrigen zarten Bl\u00fcten des Strau\u00dfes. Ich bedauerte, die Blume, die an ihrem Platze recht sch\u00f6n gewesen war, unn\u00fctzerweise abgerissen zu haben und warf sie fort. \u201eWelche Energie, welche Lebenskraft steckte in dieser Blume!\u201c, dachte ich, \u201eWie verzweifelt hat sie sich gewehrt, wie teuer ihr Leben verkauft!\u201c<br \/>Und ich erinnerte mich einer kaukasischen Geschichte aus l\u00e4ngst vergangener Zeit, die ich zum Teil erlebt hatte, zum Teil von Augenzeugen geh\u00f6rt hatte, und mir zum Teil erdachte. Die Geschichte, wie sie sich aus meiner Erinnerung und Phantasie gestaltet hat, ist folgende:<\/p><p class=\"o-ton\">59:48\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bitow: Wie er schrieb, er konnte es, ein beeindruckender Text. Du verstehst, warum ich so aufdringlich bin mit dieser Idee, dass diese Distel zum Denkmal f\u00fcr sein letztes Werk werden soll, hier ist es, das letzte Werk, und es w\u00e4chst\u00a0 hier&#8230;\u00fcberall, \u00fcberall. Es passt zum hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um, nur hundert Jahre sind vergangen. Wir begehen das Jahrhundert, das &#8230; Wie Wladimir Sokolow geschrieben hat:<\/p><p class=\"o-ton\">11:00:39\u00a0 Ich bin m\u00fcde von diesem Jahrhundert,<br \/>Seiner blutigen Fl\u00fcsse ersch\u00f6pft,<br \/>Ich verzichte auf\u00a0 die Menschenrechte,<br \/>Denn ich bin ja schon lang nicht mehr Mensch.<\/p><p class=\"o-ton\">00:51\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tolstoj dagegen war Mensch bis an sein Ende. Und sein Weggehen war nicht schw\u00e4cher als das von Hadschi Murat, er war selbst eine ziemlich stachlige Distel, er ging wie ein Tier. Meiner Meinung nach wusste er, dass er f\u00fcr immer geht. Und solch ein Weggehen schaffen nur starke Tiere. Tolstoj hatte eine starke Natur, mit seinen M\u00fchlsteinen aus Geist und K\u00f6rper hat er so viel gemahlen, dass er tats\u00e4chlich ein Beispiel war f\u00fcr die ganze Menschheit:<\/p><p class=\"o-ton\">01:36\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wie m\u00e4chtig die M\u00fchlsteine sein k\u00f6nnen.<\/p><p class=\"kommentartext\">02:10\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der russische Bauer. Das gro\u00dfe politische Ereignis, das in Tolstojs Epoche fiel, war die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861. Die Frage der Leibeigenschaft, das hei\u00dft ihrer \u00dcberwindung, hielt das Land f\u00fcr Jahrzehnte in Bann und durchzieht auch die Literatur jener Zeit, nicht nur die Tolstojs. Zu seinen fr\u00fchen Werken geh\u00f6rt \u201eDer Morgen des Gutsbesitzers\u201c, beileibe nicht die l\u00e4ndliche Idylle, die man erwarten m\u00f6chte, sondern eine schonungslose Analyse. Der Sklavenhalter m\u00f6chte sich von seinen Sklaven befreien, scheitert jedoch an deren Misstrauen, Faulheit und Niedertracht. Gutsbesitzer Nechljudow den Tolstoj hier schildert, das ist er selbst, wie sein Werk \u00fcberhaupt bislang autobiographisch ist.<\/p><p class=\"kommentartext\">03:08\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Farbfotos vom Beginn des 20. Jahrhunderts. 1908 war der Fotograf Sergej Prokudin-Gorsky, ein Pionier der Farbfotografie, in Jasnaja Poljana. Dort nahm er das erste farbige Fotoportrait Russlands auf: Leo Tolstoj zum 80. Geburtstag. Dem Jubilar waren die Ehrungen, mit denen er bedacht wurde, unheimlich:<\/p><p class=\"zitat\">03:45\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L.N.: Immer mehr sch\u00e4me ich mich meiner Lage und des ganzen Wahnsinns der Welt. Ist es wirklich nur ein Betrug meiner Sinne und meines Denkens, dass es so nicht fortgehen kann?<\/p><p class=\"o-ton\">04:05\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Otroschenko: Versuche des Gutsbesitzers, Neuerungen einzuf\u00fchren, den Bauern das Leben zu erleichtern, wurden oft\u00a0 mit Unverst\u00e4ndnis und Gesp\u00f6tt aufgenommen. Solche Herren wurden als Wunderlinge angesehen \u2013 zumindest \u2013 auf Russisch gibt es ganz andere Vokabeln daf\u00fcr. Der kann nicht ganz dicht sein, wenn er irgendwelche seltsamen Dinge tut, wenn er sagt, gebt mir den Pflug, ich werde mit euch zusammen pfl\u00fcgen. &#8230; Sie waren sogar beleidigt, es war ihnen peinlich, sie sagten, hier, der Nachbar hat einen normalen Gutsherren, der ist streng und faulenzt, er reitet, trinkt. Champagner, Frauen, Kartenspiel, Pferde: das ist ein normaler Gutsherr. Aber ein Gutsherr, der pl\u00f6tzlich versucht, etwas mehr G\u00fcte in das Bauernleben zu bringen, bei dem hatten die Bauern das Gef\u00fchl, er sei ein Narr \u2013 unser Gutsherr ist nicht normal \u2013 und dann waren sie beleidigt. Es gibt eine wunderbare Szene im Roman \u201eAuferstehung\u201c, wo Nechljudow die in der Jugend von ihm verf\u00fchrte Katjuscha im Gef\u00e4ngnis besucht und ihr Geld geben und helfen will. Katjuscha sagt: Du hast mich hier auf der Erde benutzt, und nun willst Du Dich auch noch mit dem Himmel gut stellen, deswegen machst Du das alles. Woher hatte Tolstoj wohl diese Szene? Seine Bauern haben ihn das f\u00fchlen lassen. Das hat er sich nicht aus den Fingern gesogen. Das sind ganz reale Dinge.<\/p><p class=\"kommentartext\">05:48\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 M\u00e4dchen. Jungen &#8211; ein russisches Dorf am Abend. Hier leben heute keine Bauern mehr. Gibt es den russischen Bauern \u00fcberhaupt noch? Von den heutigen Bewohnern Jasnaja Poljanas arbeiten viele \u2013 wenn sie nicht Wochenendler sind \u2013 f\u00fcr das Gut. Als Museumsw\u00e4rter etwa.<\/p><p class=\"kommentartext\">06:33\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am Nachmittag, wenn das Museum geschlossen und die Pforte gesperrt ist, nehmen die Dorfjungen das Gut ganz selbstverst\u00e4ndlich in Besitz. Wie einst Nikolenka und Lew. Und was braucht ein Junge mehr als Natur und eine Bibliothek?<\/p><p class=\"kommentartext\">07:00\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aus dem kleinen Restaurant am Gutstor, das tags\u00fcber Touristen bewirtet und am Abend eigentlich geschlossen ist, klingen Zigeunerlieder. Das ist die Musik der langen russischen N\u00e4chte, der ausschweifenden Gelage, Musik der Freiheit und Verf\u00fchrung. Tolstoj liebte sie, alle russischen Gutsherren liebten sie. Kein Bild des russischen Adligen ohne das der Zigeunerin!<\/p><p class=\"o-ton\">08:51\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Im Grunde hat der Literat zu allen Zeiten Antwort auf dieselben Fragen gesucht, die Empfindung eines Menschen in einer Extremsituation, die Kollision des Menschen mit seinen S\u00fcnden, die \u00dcberwindung der S\u00fcnde. Das taucht in Russland im 17. Jahrhundert auf und ist im 19. und 20. Jahrhundert da, und auch im 21. Der Mensch befindet sich in einer anderen Landschaft, er hat aber genau dieselben Probleme wie schon Anna Karenina oder F\u00fcrst Bolkonski. Die Fragen haben sich \u00fcberhaupt nicht ge\u00e4ndert, es sind dieselben Fragen und es gibt immer noch keine Antworten, auf jeden Fall sind die Antworten, die wir anzubieten haben, kein bisschen kl\u00fcger oder tiefgehender als die von Tolstoj. Tolstoj wusste bereits alles, was mir in meinen s\u00fcndigen Kopf kommen kann, und hat das alles auf h\u00f6chstem psychologischen Niveau beschrieben. Und letztlich hat auch er keine Antworten gegeben, es gibt keine Antworten.<\/p><p class=\"o-ton\">09:40\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas: Tolstoj hat keine Antworten gegeben?<\/p><p class=\"o-ton\">09:44\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Prilepin: Tolstoj&#8230; verstehen Sie, Tolstoj ist ja wie auch das Leben selbst ein kolossaler &#8230; ich wei\u00df nicht &#8230; ein kolossaler Widerspruch&#8230; Mir f\u00e4llt da grad so eine Geschichte ein, die hat Ihnen vielleicht Wlad Otroschenko schon erz\u00e4hlt. Tolstoj war schon ein alter Mann und in vielem sehr entt\u00e4uscht von der Menschheit und er lehnte alle m\u00f6glichen menschlichen Vergn\u00fcgungen ab, die Frauen und erst recht die Trinkerei und das Kartenspiel und all diese Schw\u00e4chen, denen er sich in seiner Jugend hingegeben hatte. Das alles verachtete er. Und abends ging er immer spazieren an all diesen Orten, die wir gesehen haben, durch den Park, und war sehr traurig, er war betr\u00fcbt, sah sich den Sonnenuntergang an und fragte sich, ob das alles wenigstens irgendeinen Sinn hat. Und meinte zu sich selbst: Ich wei\u00df keine Antwort. Und dann wiederum kam er eines Tages ganz munter zur\u00fcck vom Spaziergang, fr\u00f6hlich, bester Laune, und Sofija Andrejewna fragt ihn: \u201eLjowuschka, was ist passiert?\u201c \u201eStell dir vor\u201c, sagt er, \u201eDa gehe ich \u00fcbers Feld und mir kommen zwei Husaren entgegen, zwei Soldaten.\u201c Und sie sagt: \u201eJa und?\u201c, Er antwortet: \u201eMit aufgerissenen Jacken, sie waren verschwitzt, betrunken, stanken nach Alkohol und Tabak und redeten \u00fcber Weiber.\u201c Und sie: \u201eJa und?\u201c Und er \u201eWas f\u00fcr Prachtkerle!\u201c In diesem Widerspruch steckt f\u00fcr mich der ganze Tolstoj, Tolstoj, der alle diese Laster verachtet, und pl\u00f6tzlich sieht er ihre Verk\u00f6rperung in den beiden Husaren und sagt: \u201ePrachtkerle!\u201c.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10:00:44\u00a0 \u00a0Am Ende seines Lebens hatte Graf Leo Tolstoj alles, was ein Mann sich w\u00fcnschen kann. 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