{"id":281,"date":"2020-05-28T09:22:11","date_gmt":"2020-05-28T09:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=281"},"modified":"2020-05-28T09:23:38","modified_gmt":"2020-05-28T09:23:38","slug":"tolstoi-mit-den-augen-des-films-kommentartext-von-artem-demenok","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=281","title":{"rendered":"Tolstoi mit den Augen des Films, Kommentartext von Artem Demenok (Arte-Fassung, 52 min.)"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"281\" class=\"elementor elementor-281\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-9450068 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"9450068\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-6adf996\" data-id=\"6adf996\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-2dc521a elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"2dc521a\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>00:12<\/p><p>Dieser Film handelt von einer Begegnung. Von der der jungen, eben erst geborenen Filmkunst. Und des gro\u00dfen alten Dichters Leo Tolstoi. Sie hatten miteinander zu tun, und ihre Begegnung war fruchtbar. F\u00fcr den Film sowieso, aber auch f\u00fcr den Dichter.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>01:17<\/p><p>Br\u00fcchig geworden, geschrumpft und nicht mehr vorf\u00fchrbar. Dokumentaraufnahmen von Leo Tolstoi. So kamen sie Ende der 50er Jahre vom Tolstoi-Museum in Moskau in das Filmarchiv Gosfilmofond. Und wurden dort Bild f\u00fcr Bild per Hand repariert, gereinigt, umkopiert &#8211; gesichert. Kostbares Kulturerbe.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>01:47<\/p><p>Die ersten Filmaufnahmen entstanden am 27. und 28. August 1908 auf dem Landgut Jasnaja Poljana \u2013 anl\u00e4sslich des 80. Geburtstags des Dichters. Alexandra, seine j\u00fcngste Tochter, bringt den Bauernkindern Pralinen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>02:10<\/p><p>Die Apfelernte auf dem Gutshof.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>02:16<\/p><p>Sofja Andrejewna, die Gattin, pfl\u00fcckt Blumen und macht so ihre erste Erfahrung mit der \u201elebenden Photographie\u201c. Der Kameramann anscheinend auch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>02:31<\/p><p>\u201eMein Vater zog eine Grimasse des Schmerzes, als die Mutter ihn bat, die Filmaufnahmen zu gestatten. Aber die Filmoperateure schworen, sie w\u00fcrden ihn nicht st\u00f6ren und ihn nicht bitten zu posieren\u201c, erinnert sich die Tochter Alexandra. Ihr Hund Marquis.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>02:53<\/p><p>\u201eAn Ihre Exzellenz die Gr\u00e4fin Sofja Andrejewna Tolstoi.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>02:58<\/p><p>\u201eMit dem Gef\u00fchl der tiefsten Verehrung bedanke ich mich bei dem Grafen Lew Nikolajewitsch f\u00fcr seine freundliche Dreherlaubnis und bei Ihnen f\u00fcr Ihre Unterst\u00fctzung, die Sie mir mit Ihrer gewohnten G\u00fcte gew\u00e4hrt haben. Ich werde von der gro\u00dfen Nachfrage nach dem Film \u00fcber den Grafen Lew Nikolajewitsch im Kreise seiner Familie buchst\u00e4blich \u00fcberflutet&#8230; Und ich w\u00e4re gl\u00fccklich, Ihnen den Streifen vorf\u00fchren zu d\u00fcrfen. Ihr treuer Diener Alexander Drankow.\u201c Noch hat er keine Schreibmaschine, aber immerhin einen Schreiber.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>03:31<\/p><p>Viel war von Tolstoi in diesem ersten Film nicht zu sehen. Trotzdem wurden rund 100 Kopien verkauft. Drankow \u2013 Filmpaparazzo der ersten Stunde \u2013 verdiente daran 5000 Rubel. Ein glattes Gesch\u00e4ft.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>03:52 O-Ton Lew Anninski<\/p><p>Sofja Andrejewna half Drankow sehr. Sie war sich mehr dar\u00fcber im Klaren als Lew Nikolajewitsch, dass es wichtig ist, ihn f\u00fcr die Ewigkeit im Film festzuhalten. Das begriff sie sehr gut. Und arrangierte f\u00fcr Drankow diese Filmaufnahmen\u2026 Eigentlich war es so: Lew Nikolajewitsch wurde \u00fcberhaupt nicht eingeweiht. Sofja Andrejewna verschaffte Drankow die M\u00f6glichkeit, sich auf diesen Balkon vorzumogeln. So lieferte er 1908 die allerersten Dokumentaraufnahmen von Tolstoi. Das war unglaublich schwierig, dabei hat er nichts unversucht gelassen. Und \u00fcberhaupt\u2026 Was hat er nur alles gedreht\u2026 \u201eTrinkgelage auf der Wolga\u201c stammt doch auch von ihm.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>04:37<\/p><p>\u201eTrinkgelage auf der Wolga\u201c, das ist \u201eStenka Rasin\u201c, der erste russische Spielfilm. Er kam am 15. Oktober 1908 in die Kinos und wurde ein Kassenschlager. Eine Produktion der \u201eersten Fabrik in Russland f\u00fcr lebende, singende und sprechende Fotographie von Alexander Drankow\u201c.<\/p><p>Ein \u201eBlockbuster\u201c \u00fcber den rebellischen Kosakenataman aus dem 17. Jahrhundert. \u00dcber seine Liebe zur einer persischen F\u00fcrstin und \u00fcber die Verschw\u00f6rung seiner eifers\u00fcchtigen M\u00e4nner, die mit dem Tod der F\u00fcrstin in der Wolga endet.<\/p><p>Gedreht an einem einzigen Sp\u00e4tsommertag an einem See bei Sankt Petersburg. Mit der Schauspieltruppe des Petersburger Volkshauses.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>05:32<\/p><p>Der Darsteller von Stenka Rasin sollte sp\u00e4ter zum Hauptregisseur der Drankowschen Filmfabrik aufsteigen.<\/p><p>\u201eMit enormen Geldmitteln und einer Menge M\u00fche und Zeit habe ich alle Anstrengungen unternommen, damit dieser Film technisch und darstellerisch ein hohes Niveau erreicht\u201c, so pries der Produzent sich selbst.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>06:00<\/p><p>Der Filmpionier Alexander Drankow wies dem russischen Kino den Weg. In Richtung popul\u00e4rer nationaler Sujets. Von nun an wird der russische Film die N\u00e4he der Literatur suchen. Auch der von Leo Tolstoi.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>06:21 O-Ton Lew Anninski<\/p><p>Als Filmreporter ruft Drankow bei mir Dankbarkeit und Achtung hervor, zumal er ja ein schweres Schicksal hatte, er musste nach der Oktoberrevolution 1920 emigrieren. Ich w\u00fcrde sagen, er ist eine r\u00fchrende Figur.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>06:40<\/p><p>Bleiben wir noch ein bisschen an der Wolga. \u201eFischkonservenfabrik in Astrachan\u201c von 1908. Ein Juwel aus der Fr\u00fchzeit des Films. Produziert von der franz\u00f6sischen Firma Path\u00e9 Fr\u00e8res f\u00fcr die Filmreihe \u201eMalerisches Russland\u201c. Mit ihren sechs Filialen beherrschte Path\u00e9 damals den russischen Filmmarkt zu fast 75 Prozent. Eine \u00fcberm\u00e4chtige Konkurrenz f\u00fcr Drankow. Da der russische Zuschauer nach russischen Themen verlangte, gab auch Path\u00e9 diesem Verlangen nach. Die Arbeit wie sie ist. Das Leben wie es ist \u2013 \u201eCin\u00e9ma v\u00e9rit\u00e9\u201c.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>07:43<\/p><p>Der Kameramann ist 22 Jahre alt. Georges Meyer, von der Moskauer Vertretung der Path\u00e9. Eigentlich hei\u00dft er Joseph-Louis Mundviller, ein Els\u00e4sser. Als Deutscher kam er 1907 nach Russland und begr\u00fcndete die russische Schule der Filmoperateure. Als Deutscher wird er 1914 mit Beginn des Ersten Weltkriegs des Landes verwiesen. Wir haben Fotos von ihm gefunden.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>08:09<\/p><p>\u201ePath\u00e9 sagte mir, man m\u00fcsse Tolstoi drehen. Koste es, was es wolle; Amerika sei daran sehr interessiert\u201c, erinnert sich Meyer-Mundviller.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>08:24<\/p><p>3. September 1909. Tolstoi verl\u00e4sst Jasnaja Poljana. In Begleitung seiner Frau Sofja Andrejewna. Eine g\u00fcnstige Gelegenheit, ihn, den filmscheuen Dichter, mit der Kamera zu erwischen. Darauf hat Georges Meyer schon lange gewartet.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>8:44<\/p><p>Nachdem diese Einstellung im Kasten ist, muss das Team in Windeseile zur Bahnstation Schtschekino, um auch die Ankunft der Kutsche zu filmen. Von hier aus f\u00e4hrt Tolstoi \u00fcber Moskau zu seinem Verleger und engsten Vertrauten Tschertkow.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>09:20<\/p><p>\u201eDie Filmoperateure erschienen trotz Absage. Ich lie\u00df sie gew\u00e4hren, aber ohne meine Beteiligung\u201c, schreibt Tolstoi in sein Tagebuch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>09:37<\/p><p>Ein Gendarm verbietet das Filmen auf dem Bahnsteig. Meyer versucht ihn zu bestechen. Vergeblich. Zum Gl\u00fcck hat der Zug \u00fcber eine Stunde Versp\u00e4tung, die Meyer nutzen kann. Er schickt ein Telegramm an den Chef der Gendarmerie in Tu\u00adla. Der erteilt am Telefon die Erlaubnis \u2013 un\u00adter der Bedingung, dass ihm jedes Bild f\u00fcr eine Sichtung vorgelegt wird. Meyer willigt ein. Er hat keine Zeit zu erkl\u00e4ren, dass man das Ne\u00adgativ vor der Entwicklung nicht einsehen kann. Meyer kommt nach Tula \u2013 mit dem gleichen Zug wie Tolstoi. Und er wird den Gendarmen-Oberst \u00fcberzeugen, auf eine Sichtung zu verzichten. Jetzt hat Path\u00e9 die besten Filmaufnahmen von Tolstoi.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>10:37 O-Ton Lew Anninski<\/p><p>Tolstoi war die wichtigste Figur der russischen Kultur, und der Film ihm gegen\u00fcber nur ein Kleinkind, das aber laut schreien konnte und so deutlich seine Zukunft sp\u00fcrte, an die keiner glaubte au\u00dfer ihm selbst. Nat\u00fcrlich hatte die Begegnung Tolstois mit dem Film eine gro\u00dfe Bedeutung, die aber erst sp\u00e4ter zum Vorschein kam. Der Film entwickelte sich allm\u00e4hlich zur wichtigsten Kunstgattung. Und dann stellte sich heraus, dass das ganze Jahrhundert das Jahrhundert des Films werden sollte. Und erst jetzt wird der Film wiederum verdr\u00e4ngt \u2013 durch das Internet, das Fernsehen und so weiter. Aber f\u00fcr ein ganzes Jahrhundert hat es ausgereicht: Hundert Jahre Film und hundert Jahre ohne Tolstoi. Und sie haben es noch geschafft, einander zu begegnen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>11:43 O-Ton Dialog im Film<\/p><p>\u201eLew Nikolajewitsch, das habe ich nicht erwartet.\u201c<\/p><p>\u201eGuten Tag, Anton Pawlowitsch. Warum haben Sie das nicht erwartet? Was ist besonderes daran? Ich bin spazieren gegangen und vorbeigekommen. Das Wetter ist gut. Der Fr\u00fchling ist schon im vollen Gange. Wie geht es Ihnen? Setzten Sie sich. Wie f\u00fchlen Sie sich? Haben Sie Fieber?\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>12:06<\/p><p>28. M\u00e4rz 1897. Tolstoi besucht in Moskau den kranken Tschechow. Statt 15 Minuten bleibt er anderthalb Stunden. Wor\u00fcber sprachen sie? Die Begegnung zweier Genies in einem Spielfilm, an dem Regie-Altmeister Marlen Chuziew arbeitet. Bilder aus dem Rohschnitt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>12:31 O-Ton Dialog im Film<\/p><p>Ist es nicht feucht hier? Das ist doch nicht gut f\u00fcr Sie.\u201c<\/p><p>\u201eNein, nicht kalt. Manchmal fr\u00f6stle ich nur ein wenig. Dann ist es kalt.\u201c<\/p><p>\u201eWarm. Das ist gut. Und mir ist es kalt. Aber das ist etwas anderes. Das ist das Alter.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>12:56 O-Ton Marlen Chuziew<\/p><p>Ich wollte Tolstoi und Tschechow sozusagen auferwecken, damit der Zuschauer sie sieht und an sie glauben kann. Denn es gibt ja Fotos von ihnen \u2013 oder Filmaufnahmen. Zun\u00e4chst habe ich nat\u00fcrlich einige Proben mit Schauspielern gemacht, die meiner Meinung nach in Frage f\u00fcr die Rollen kamen. Aber das waren schon sehr bekannte Gesichter. Ich werde sie jetzt nicht nennen. Auf jeden Fall w\u00e4ren das nicht Tschechow oder Tolstoi gewesen, sondern in erster Linie die bekannten Schauspieler in ihren Rollen\u2026 Und eines Tages l\u00e4uft im Fernsehen (ich glaube, das war der Sender \u201eKultura\u201c) eine Reportage \u00fcber einen Mann, dessen Gesicht ich nicht kannte, dessen Namen ich zun\u00e4chst \u00fcberh\u00f6rte, und als er dann wiederholt wurde, sagte er mir nichts, dieser Name \u2013 ein Schauspieler aus dem Theater in Kaluga. Ich schaue mir die Sendung an, und er wirkt auf mich sehr \u00fcberzeugend \u2013 mit seiner Stimme, mit seinem Gesicht\u2026 Da war etwas Lebendiges. Und mein Sohn und ich haben uns angeschaut und gedacht: man m\u00fcsste ihn zur Probe einladen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>14:33<\/p><p>Das Theater in Kaluga, 190 km s\u00fcdwestlich von Moskau. Hier treffen wir den Tolstoi-Darsteller.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>14:43 O-Ton Michail Pachomenko<\/p><p>Bei den Proben war es schwieriger als bei den Dreharbeiten. Als ich dann das Kost\u00fcm anhatte, habe ich kaum nachgedacht. Es gibt doch so etwas wie eine Intuition des Schauspielers, verstehst du? Und \u2013 Verwandlung\u2026 Sich einf\u00fchlen\u2026 Und Chuziew warf mir manchmal eine Anweisung zu, die ich nur aufnehmen musste\u2026<\/p><p>Sie waren mit ihm auf einer Wellenl\u00e4nge?<\/p><p>Ja, ich mag Marlen Martynowitsch sehr.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>16:00<\/p><p>Sieht aus wie Karl Marx, ist aber Leo Tolstoi \u2013 im Kreise seiner Leser. Das hei\u00dft, ein Schauspieler, der ihn spielt. In der Verfilmung der \u201eKreutzersonate\u201c von 1914. Schon vor der Oktoberrevolution gab es in Russland 26 Verfilmungen seiner Werke. Leo Tolstoi als wichtigste Quelle und Identifikationsfigur f\u00fcr das Kino im Zarenreich.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>16:42<\/p><p>\u201eDer Weggang des gro\u00dfen Alten\u201c, ein Film \u00fcber die letzten Tage aus dem Leben des Dichters, wurde bereits 1912 gedreht. Zu seinem 2. Todestag. Tolstoi zwischen Sofja Andrejewna und ihrem Konkurrenten Tschertkow. Sie streiten sich um die Rechte an seinen Werken. Kein Wunder, dass beide alles daran setzten, diesen Film verbieten zu lassen. Er lief nur im Ausland. Der Schauspieler Wladimir Schaternikow, der hier Tolstoi spielt, fiel 1914 im Krieg.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>17:28<\/p><p>Der echte Tolstoi. Nun ist Drankow wieder dran. Er macht diese Aufnahmen am 17. September 1909 in Krjokschino, bei Moskau. Auf dem Gutshof von Tschertkow, dem Obertolstojaner.<\/p><p>\u201eMunter aufgestanden. Traf den Photographen und den Filmoperateur\u2026 Sprach mit Tschertkow \u00fcber die Absicht der Kinder, sich die Werke anzueignen, die doch allen geh\u00f6ren. Will das nicht glauben\u201c.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>18:00<\/p><p>Der englische Fotograf Thomas Tapsell. Er hat Tolstoi auch gefilmt. F\u00fcr Edison. Sein Filmmaterial ist verloren gegangen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>18:20<\/p><p>18. September 1909. Abfahrt nach Moskau. Demonstrativ, mit ihrem Gatten Arm in Arm, tritt Sofja Andrejewna den Ger\u00fcchten \u00fcber die Konflikte in der Familie entgegen. Vor der Filmkamera von Drankow. Gar keine schlechte Idee. Doch das Bild ist tr\u00fcgerisch: Tolstoi hat bereits den Entschluss gefasst, alle Manuskripte Tschertkow zu \u00fcberlassen. Der soll sich um ihre Ver\u00f6ffentlichung k\u00fcmmern. Das wird er am 1. November 1909 testamentarisch bestimmen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>19:15<\/p><p>Wladimir Tschertkow \u2013 der bullige Mann mit wei\u00dfem Hut \u2013 dr\u00e4ngt sich in den Vordergrund. Der Gegner von Sofja Andrejewna. Sie kann man verstehen: Tolstois B\u00fccher sichern der Familie das Einkommen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>19:29<\/p><p>Ankunft in Moskau. Als der Film Ende November auf die Leinwand kommt, schreibt der Schriftsteller Skitalez: \u201eIn dem kleinen Saal waren etwa 100 Zuschauer \u2013 es war fast dunkel, aber man sp\u00fcrte deutlich, dass alle zuf\u00e4llig versammelten Leute von dem Geschenk des Kinematographen erfreut und begl\u00fcckt wurden. Sie haben Tostoi gesehen \u2013 es geschah mit ihnen etwas Erhebendes.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>20:02<\/p><p>Aus dem Tagebuch von Tolstoi: \u201e18. September. Verfolgt von Filmoperateur und Photographen. In Moskau erkannt und begr\u00fc\u00dft \u2013 angenehm und unangenehm, weil das ein schlechtes Selbstwertgef\u00fchl erweckt\u2026 Bin in den Kinematographen gegangen. Sehr schlecht.\u201c<\/p><p>Der erste Besuch im Kino. Erledigt mit zwei Worten.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>20:27<\/p><p>O-Ton Lew Anninski<\/p><p>Tolstoi hat damals zwei oder drei Filme gesehen, die man lieber nicht gesehen h\u00e4tte. Und au\u00dferdem haben ihn die Kameraleute bel\u00e4stigt und m\u00fcde gemacht. Die hat er zugen\u00fcge gesehen. Er hat gesp\u00fcrt, dass da etwas Interessantes vor sich geht, aber es ist zweifelhaft, dass er im Film damals das K\u00fcnstlerische gesp\u00fcrt hat.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>20:44<\/p><p>24. September 1909. \u201eEs wurde abends der Kinematograph gezeigt, und es kam das ganze Dorf\u201c, schreibt Sofja Andrejewna in das Tagebuch.<\/p><p>Einige Filme aus diesem Programm von Path\u00e9 haben wir gefunden. \u201eDelhi, die gr\u00f6\u00dfte Stadt in Vorderindien\u201c. F\u00fcr Indien und seine Kultur hat sich Tolstoi sehr interessiert.<\/p><p>An diesem Tag kam ein Brief von Gandhi: \u201eIch hatte Gl\u00fcck, Ihre Schriften zu studieren, die einen tiefen Eindruck auf meine Weltanschauung gemacht haben.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>21:41<\/p><p>\u201eDie Vorf\u00fchrung fand vor dem Haus statt. Wir hatten eine Leinwand aufgespannt und einen Filmprojektor aufgestellt. Es wurden die Bauern eingeladen. Auch die Tochter Alexandra war anwesend. Tolstoi sa\u00df auf dem Stuhl mittendrin\u201c, erz\u00e4hlte sp\u00e4ter Mundviller alias Georges Meyer. Eigentlich war sein Auftrag, Tolstoi ein weiteres Mal zu filmen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Der Reporter der Zeitschrift \u201eCine-Phono\u201c lauscht jedem Wort des Dichters: \u201eDas ist doch wunderbar, das ist eine gro\u00dfe Sache, man muss sie f\u00fcr die Schule verwenden. Das ist eine lehrreiche und vern\u00fcnftige Schau \u2013 sie hat einen kolossalen Wert als Lehrma\u00dfnahme\u2026\u201c<\/p><p>\u201eTabakanbau und Industrie auf den malaiischen Inseln\u201c. Film als Fenster zur gro\u00dfen weiten Welt. Jetzt f\u00e4ngt Tolstoi Feuer f\u00fcr das Kino. Aber nur f\u00fcr den Dokumentarfilm. Spielfilme lehnt er ab. Das ist nichts f\u00fcr die Bauern, meint er.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>23:24<\/p><p>\u201eMoskau, 30. September 1909. Madame, ich m\u00f6chte meinem Dank Ausdruck verleihen f\u00fcr den g\u00fcnstigen Empfang, den mein Filmoperateur von Ihnen erfahren hat. Ich bedauere es zutiefst, dass Herr Graf uns nicht die hohe Ehre verg\u00f6nnt hat, ihn in manchen Augenblicken seines Privatlebens filmen zu d\u00fcrfen.<\/p><p>Glauben Sie mir, Frau Gr\u00e4fin, wenn ich mir erlaubt habe, Herrn Grafen in seiner Abgeschiedenheit zu st\u00f6ren, so nur deswegen, weil die Jugend auf der ganzen Welt uns dazu dr\u00e4ngt, so einen gro\u00dfen Schriftsteller wie Herrn Grafen in lebendigen Bildern zu zeigen.<\/p><p>Gleicherma\u00dfen erreichen uns t\u00e4glich Briefe von Menschen aus ganz Russland, die denselben Wunsch zum Ausdruck bringen. (\u2026) Aus allen diesen Gr\u00fcnden, Frau Gr\u00e4fin, erlaube ich mir, Sie mit der Bitte zu bel\u00e4stigen, Herrn Grafen dazu zu bewegen. (\u2026)<\/p><p>Ich erlaube mir au\u00dferdem, Sie daran zu erinnern, dass wir immer vollkommen zu Ihrer Disposition stehen, sollten Sie den Wunsch haben, bei Ihnen Filmvorf\u00fchrungen zu veranstalten\u201c, schreibt der Direktor der Path\u00e9-Filiale Moskau Maurice Hache.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>24:36<\/p><p>Auch Drankow l\u00e4sst nicht locker.<\/p><p>\u201e2. Dezember 1909. Sehr geehrte Sofja Andrejewna, der Maler Parchomenko hat mir heute berichtet, dass Sie mir erlauben Ihnen den Film vorzuf\u00fchren, in dem Lew Nikolajewitsch w\u00e4hrend seiner Moskau-Reise gezeigt wird. Dieser Film ist wundersch\u00f6n geworden und er gibt alle Reisestationen sehr lebendig wieder. Ich w\u00e4re gl\u00fccklich diesen Film in Jasnaja Poljana pers\u00f6nlich vorf\u00fchren zu d\u00fcrfen. Mit vollkommener Hochachtung, Alexander Drankow.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>25:12<\/p><p>Am 6. Januar 1910 ist Drankow in Jasnaja Poljana. Sein Bruder dreht, wie er Tolstoi dreht. \u201eDer ganze Tag ist heute dem Kinematographen gewidmet\u201c, schreibt Sofja Andrejewna in ihr Tagebuch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>25:35<\/p><p>\u201eLew Nikolajewitsch wurde heute zu Pferde f\u00fcr den Kinematographen aufgenommen. Und es wurden abends kinematographische Bilder gezeigt\u201c, notiert Tolstois Arzt Duschan Makowizki. Er begleitet Tolstoi bei diesem Ausritt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>26:03<\/p><p>Aus dem Tagebuch von Tolstoi: \u201e6. Januar. Der Kinematograph ist da. Man muss \u00fcberhaupt aufh\u00f6ren sowohl zu schreiben als auch sich um das Geschriebene zu k\u00fcmmern. (\u2026) Nichts aufgeschrieben. Genauso und noch mehr als gestern peinlich und traurig. Ich ritt mit Duschan. Abends der langweilige Kinematograph.\u201c<\/p><p>\u201e7. Januar. Der seelische Zustand etwas besser. Es gibt keine hilflose Sehnsucht, es gibt nur eine unaufh\u00f6rliche Scham vor dem Volk\u2026 Werde ich das Leben so beenden in diesem besch\u00e4menden Zustand? (\u2026) Sp\u00e4t aufgestanden. Ging den Schlitten aus Koslowka entgegen. Die Filmoperateure haben gekurbelt. Das ist nicht schlecht. Es kamen Bettler und Bittsteller\u2026 Hatte eine gute Unterredung mit einem erb\u00e4rmlichen zerlumpten Jungen aus Pirogowo\u2026 Und wieder der Kinematograph. Langweilig. Mich \u00fcberkam die Schw\u00e4che, es ist Zeit f\u00fcr Ruhe.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>27:09<\/p><p>Die ersten Eintragungen im Tagebuch aus dem Jahr 1910 wirken alle bedr\u00fcckt und niedergeschlagen. Die Kamera kriegt das nicht mit. Oder vielleicht doch?<\/p><p>\u00a0<\/p><p>27:51<\/p><p>Die Filmvorf\u00fchrungen werden im weitr\u00e4umigen Speisezimmer veranstaltet. \u201eEs kamen etwa 20-30 Kinder und genauso viele Erwachsene\u201c, so der Arzt Makowizki.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Zun\u00e4chst l\u00e4uft der Film \u201eTolstoi in Moskau\u201c.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>28:16<\/p><p>Tolstois Enkel zeigen mit den Fingern auf die Leinwand und schreien: \u201eDas hier ist der Opa. Das hier ist die Oma\u201c.<\/p><p>Die Oma ist begeistert. Der Opa wird nachdenklich: \u201eAch, wenn ich jetzt den Vater und die Mutter so sehen k\u00f6nnte wie ich mich selbst sehe!\u201c Auf seinen Wunsch werden diese Aufnahmen zweimal gezeigt.<\/p><p>\u201eDrankow hat mir den ganzen Film geschenkt\u201c, schreibt Sofja Andrejewna in ihr Tagebuch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>28:54<\/p><p>5 000 Menschen kamen damals wegen Tolstoi zum Kursker Bahnhof in Moskau. Wenn es am Anfang des 20. Jahrhunderts schon Stars gab, dann war er einer.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>29:21<\/p><p>\u201eHaben Sie Bilder aus dem Bauernleben?\u201c fragt Tolstoi Drankow. Das nun nicht gerade. Aber es gibt den Film \u201eIm Zoologischen Garten von London\u201c der Firma Path\u00e9. Und er kommt sehr gut an.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>29:43<\/p><p>Aber Tolstoi ist in Gedanken bei seinen Bauern: \u201eIn Russland muss der Kinematograph ausschlie\u00dflich das russische Leben festhalten in seinen mannigfaltigen Erscheinungen so wie es ist \u2013 man darf nicht erfundenen Sujets nachlaufen.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>30:04<\/p><p>Lew Nikolajewitsch \u00e4u\u00dferte den Wunsch, so berichtet der Re\u00adporter der Zeitschrift \u201eCine-Phono\u201c, russische Schriftsteller und Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentli\u00adchen Lebens auf der Leinwand zu sehen. Als er erfuhr, dass es einen Film \u00fcber Leonid Andrejew gab, sagte er: \u201eZeigen Sie mir ihn bitte!\u201c<\/p><p>Seinen Streifen \u201eLeonid Andrejew auf der Datscha in Finnland\u201c hat Drankow im Gep\u00e4ck. Andrejew ist damals der einzige russische Schriftsteller, der sich f\u00fcr das Medium Film begeistert. \u201eEs ist so schade, dass Tschechow f\u00fcr den Kinematographen nicht aufgenommen wurde\u201c, hat er gesagt. Hier erkl\u00e4rt er seinem Sohn, wie das Filmen funktioniert. Andrejew, ein leidenschaftlicher Photograph, hat sich sogar eine eigene Filmkamera gekauft. \u201eDer Kinematograph vernichtet die Einheit der Pers\u00f6nlichkeit\u2026 Stellen Sie sich vor, ich werde die M\u00f6glichkeit haben dank dem Kinematographen mich selbst jederzeit zu sehen so wie ich mit acht, achtzehn, f\u00fcnfundzwanzig war\u2026 Und hier bewege ich mich.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>31:17<\/p><p>Am 21. und 22. April 1910 ist er in Jasnaja Poljana zu Besuch. \u201eAndrejews H\u00e4nde, die den Hut hielten, zitterten leicht\u201c, schreibt Walentin Bulgakow, der Sekret\u00e4r von Tolstoi.<\/p><p>Die beiden Schriftsteller reden \u00fcber die Todesstrafe, \u00fcber Selbstmorde, \u00fcber den Alkoholismus im Volke. Aber auch \u00fcber den Film, der die Massen beeinflusst. \u201eSie m\u00fcssen unbedingt f\u00fcr den Kinematographen schreiben, Lew Nikolajewitsch! Ihr Beispiel wird eine gro\u00dfe Bedeutung haben. Die Schriftsteller z\u00f6gern noch, aber wenn Sie den Anfang machen, werden alle Ihnen folgen.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>31:54<\/p><p>Nachts denkt Tolstoi dar\u00fcber nach.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>32:19<\/p><p>\u201eIch wurde nachts immer wieder wach und ich habe es mir \u00fcberlegt\u201c, sagt er am Morgen zu Andrejew. \u201eIch habe mich entschieden, f\u00fcr den Kinematographen zu schreiben. Der kann manchmal n\u00fctzlicher sein als das Buch. Er ist doch den breiten Massen verst\u00e4ndlich, und dabei aller V\u00f6lker. Ich werde unbedingt schreiben\u2026 Wenn ich es noch schaffe\u2026\u201c Zum Abschied k\u00fcsst er Andrejew.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>32:56<\/p><p>Tolstoi kam nicht mehr dazu, ein Drehbuch zu schreiben. Aber er hatte schon f\u00fcr den Film geschrieben. Sein gesamtes erz\u00e4hlerisches Werk war filmisch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>33:19 O-Ton Lew Anninski<\/p><p>Der Film bringt uns zu Tolstoi zur\u00fcck. Und man dachte lange, je genauer die Verfilmungen seiner Werke sind, desto besser ist es f\u00fcr Tolstoi, f\u00fcr die Weltrevolution, f\u00fcr die Sowjetmacht, f\u00fcr das Weltkino. In dieser Situation tauchte ich in das Material ein und habe folgendes herausgefunden: Es gibt vielleicht einen gro\u00dfen Wunsch, Tolstoi treu zu bleiben, aber es gelingt nicht. Wenn einer begabt ist, wird er Tolstoi mutwillig verlassen. Wenn er weniger begabt, daf\u00fcr aber flei\u00dfig ist, wird er sich in Tolstoi aufl\u00f6sen. Dann kommen verschwommene Filme heraus, die f\u00fcr Tolstoi entbehrlich sind. Ich lese Tolstoi auch ohne Filme.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>34:16<\/p><p>\u201eDer Rheinfall Schaffhausen\u201c. Ein Film aus dem Programm, das Tolstoi am 20. Juni 1910 sieht. Beim Besuch der Anstalt f\u00fcr Geisteskranke in Meschtscherskoje bei Moskau. Er arbeitet zu jener Zeit an einem Text \u201e\u00dcber den Wahnsinn\u201c.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>34:52<\/p><p>Auch Spielfilme werden gezeigt.<\/p><p>Der Arzt Wladimir Kuwatschinski schreibt: \u201eDie Trag\u00f6die \u201eNero\u201c \u00fcber seine Liebe, seinen Tod und den Brand von Rom machte auf Lew Nikolajewitsch einen schlechten Eindruck. Er \u00e4u\u00dferte Zweifel daran, dass die Geisteskranken, insbesondere die Bauern, den Inhalt dieser Trag\u00f6die richtig verstehen.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>35:31<\/p><p>Einmal in der Woche zeigt man hier den Patienten Filme. Eine Art moderner Therapie.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>35:55<\/p><p>\u201eDer Film \u201eIm Zoologischen Garten von Antwerpen\u201c gefiel ihm sehr. \u201eDas ist ein echter Kinematograph. Man denkt unwillk\u00fcrlich: Was die Natur nur so alles geschaffen hat\u2026<\/p><p>\u00a0<\/p><p>36:15<\/p><p>Ach, die Affen. Das ist lustig!\u201c penibel notiert Sekret\u00e4r Walentin Bulgakow die Kommentare des Dichters.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>36:43<\/p><p>F\u00fcr kolorierte Filme war Path\u00e9 sehr bekannt. Daf\u00fcr besch\u00e4ftigte die Firma fast 200 Arbeiter, meist Frauen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>37:10<\/p><p>Heute zeigt man hier keine Filme mehr. Das Klubhaus brannte Ende der 80er Jahre nieder.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>37:21<\/p><p>\u201eDen Film \u201eDas Begr\u00e4bnis K\u00f6nig Eduards VII.\u201c hat er sich sehr gerne angeschaut\u201c, schreibt der Arzt Kuwatschinski. \u201eLew Nikolajewitsch war von den englischen Pferden besonders angetan. (\u2026) \u201eSchauen Sie, schauen Sie, wie elegant diese Pferde sind, wie sch\u00f6n sie ihre F\u00fc\u00dfchen bewegen und aufspringen. Sie sind alle reinrassig\u2026 Hier dieser Offizier hat ein sch\u00f6nes Pferdchen! Ich h\u00e4tte gerne so ein Pferdchen!\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>38:02<\/p><p>Die Path\u00e9-Kom\u00f6die \u201eDas ungew\u00f6hnliche Attentat\u201c mit Max Linder fand Tolstoi \u201einhaltslos\u201c. Er mochte Kom\u00f6dien gar nicht.<\/p><p>Aus dem Tagebuch: \u201e20. Juni. Fuhr nach Meschtscherskoje in den Kinematographen. Langweilig und sehr dumm und nutzlos.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>21. Juni. Wir waren in Troizkoje. Dort Pracht und Prunk, der Kinematograph. Sascha hatte Kopfschmerzen. Auch mir war nicht wohl. Und langweilig. Der Kinematograph ist ekelhaft und verlogen.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>38:38<\/p><p>Troizkoje \u2013 das ist eine andere Anstalt f\u00fcr Geisteskranke, die er besucht.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>38:48<\/p><p>Die Tochter Alexandra \u2013 Sascha \u2013 erinnert sich: \u201eDer Saal ist voll, auf der Leinwand laufen irgendwelche dummen Melodramen. In der Dunkelheit schimmern die wei\u00dfe Bluse und der graue Bart, ich sp\u00fcre, dass der ganze Saal von den Geisteskranken voll ist, und m\u00f6chte schnell weg von hier. Der Vater aber wechselt ruhig einige Worte mit Tschertkow und kommt offensichtlich nicht auf die Idee, sich zu f\u00fcrchten.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>39:15<\/p><p>Ein Film aus diesem Programm: \u201eJagd auf fliegende Hunde auf der Insel Sumatra\u201c der Firma Path\u00e9. Von 1910.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>40:04<\/p><p>\u201eAls nach f\u00fcnf sehr interessanten Kulturfilmen eine dumme Kom\u00f6die gezeigt wurde, stand Lew Nikolajewitsch auf und ging. Und wir, seine zahlreiche Begleitung, folgten ihm\u201c, schreibt Walentin Bulgakow. Das war sein letzter Besuch im Kino.<\/p><p><i>\u00a0<\/i><\/p><p>40:26<\/p><p>\u201eMoskau, 24. Juni 1910. Madame, wir hoffen, Sie erinnern sich an das gro\u00dfz\u00fcgige Versprechen, das Sie uns gemacht haben, Ihren Gatten, Herrn Grafen um die Erlaubnis zu bitten, sich von uns filmen zu lassen, sobald das Wetter sch\u00f6n wird. Wir denken, dass der Moment zurzeit g\u00fcnstig w\u00e4re, angesichts der Temperaturen, die wir erwarten. Seien Sie versichert, Frau Gr\u00e4fin, dass wir nichts tun werden, was Ihren Herrn Gatten erm\u00fcden k\u00f6nnte&#8230; In der Hoffnung, von einer g\u00fcnstigen Antwort beehrt zu werden, empfangen Sie, Frau Gr\u00e4fin, eine Versicherung unserer vollkommenen Achtung, der Direktor Maurice Hache\u201c.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Die Erlaubnis zu filmen bekommt aber nicht Path\u00e9, sondern Drankow. Anfang September 1910.<\/p><p>Sofja Andrejewna nutzt die Gelegenheit, um Eintracht zu demonstrieren. Noch kurz davor hat er sie \u201eso angeschrien, dass die W\u00e4nde zitterten\u201c. Die Aufnahmen werden auf dem Landgut Kotschety gemacht. Hier bei der Tochter Tatjana sucht Tolstoi Zuflucht vor dem Drama seiner Ehe. Aber Sofja Andrejewna bleibt ihm auf den Fersen. Sie f\u00fchlt sich schon lange hintergangen. Es geht um das geheime Testament, von dem sie etwas ahnt\u2026 Und tats\u00e4chlich sollte sie am Ende leer ausgehen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>42:01<\/p><p>\u201e8. September. Sofja Andrejewna wollte unbedingt, dass Drankow sie zusammen mit mir dreht. Werde nicht arbeiten. Bin unruhig. Habe nichts geschrieben.\u201c<\/p><p>Dicke Luft zu Hause beg\u00fcnstigt nicht gerade das Schreiben. Diesmal bleibt Tolstoi auch den Filmvorf\u00fchrungen fern, die Drankow in einer Scheune veranstaltet.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>42:43<\/p><p>Keine zwei Monate sp\u00e4ter, am 28. Oktober wird Tolstoi Jasnaja Poljana f\u00fcr immer verlassen. Heimlich, nachts kehrt er der Familie den R\u00fccken.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>42:56<\/p><p>Er kann aber nicht verhindern, dass sein Weggang in aller \u00d6ffentlichkeit geschieht \u2013 vor Reportern, Spitzeln, Popen, Polizisten und Gendarmen. Auch die Filmkameras sind dabei.<\/p><p>Unterwegs wirft ihn eine schwere Lungenentz\u00fcndung nieder.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>43:19<\/p><p>Die Bahnstation Astapowo. Hier macht der Todkranke halt. Der Bahnvorsteher bietet ihm sein Zimmer an. 5. November 1910. Georges Meyer begleitet Sofja Andrejewna mit der Kamera. Sie kommt Tolstoi hinterher. Als \u201eliebevolle besorgte Ehefrau\u201c wird sie jetzt posierend in das Zimmer von Tolstoi schauen. In Wahrheit ist das ein Vorraum. Seine T\u00f6chter sitzen bei ihm am Krankenbett.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>43:52<\/p><p>Alexander Goldenweiser, der engste Freund der Familie, schreibt: \u201eWir, Tatjana Lwowna, Alexandra Lwowna und ich, sa\u00dfen in der K\u00fcche. Pl\u00f6tzlich sah ich das Gesicht von Sofja Andrejewna im Fenster. Tatjana Lwowna ging zu ihr. Sofja Andrejewna sagte: \u201eIch komme nicht herein\u2026 Ich will nur die liebe Sascha sehen\u2026\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Die erinnert sich: \u201eSie bat mich, sie in den Vorraum zu lassen. Ich wollte schon die T\u00fcr \u00f6ffnen, als ich ein Summen h\u00f6rte. Darauf drehte ich mich um und sah zwei Filmoperateure. Dann bat ich die Mutter zu gehen. \u201cLass wenigstens die Leute glauben, dass ich bei ihm bin!\u201c antwortete sie.\u201c<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Man l\u00e4sst sie erst zu ihrem Mann hinein, nachdem er das Bewusstsein verloren hat.<\/p><p>Tolstoi stirbt am 7. November 1910 morgens um 6 Uhr 5 Minuten. Der Kopf als Schattenriss, nachgezeichnet auf der Tapete im Sonnenlicht. Heute ist dieses Zimmer Teil eines kleinen Museums.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>45:16<\/p><p>In einem Gep\u00e4ckwaggon wird der Sarg nach Jasnaja Poljana \u00fcberf\u00fchrt. Die Polizei riegelt alle Stationen ab, und der Sonderzug f\u00e4hrt ohne Halt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>45:33<\/p><p>9. November 1910. Zur Beerdigung sind Tausende nach Jasnaja Poljana gekommen: die ans\u00e4ssigen Bauern, Moskauer Studenten, Freunde, Anh\u00e4nger. Und eine Menge Polizei. Die Regierung bef\u00fcrchtet, dass der Abschied von Tolstoi zu einer Demonstration gegen den Staat und die Staatskirche wird. Ein Begr\u00e4bnis ohne kirchliche Zeremonien. Tolstoi wollte es so. Er war schon lange aus der Kirche verbannt. Als Prediger seiner eigenen Religion.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>46:37<\/p><p>Dies sind Aufnahmen des franz\u00f6sischen Kameramannes Georges Meyer. Aber auch sein russischer Kollege Alexander Drankow dreht. Schon am n\u00e4chsten Tag kommen diese Bilder in Moskau auf die Leinwand. Und dann auch \u00fcberall in der Provinz. In vielen St\u00e4dten werden die Filmvorf\u00fchrungen von der Obrigkeit verboten. Die Angst vor Unruhen geht um. Und nicht unbegr\u00fcndet: das Publikum ist enorm aufgew\u00fchlt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>47:47<\/p><p>Dreharbeiten zu einem Spielfilm. Marlen Chuziew, der einst mit einigen der sch\u00f6nsten Filme aus dem sowjetischen Alltag ber\u00fchmt wurde, dreht jetzt einen Film \u00fcber Leo Tolstoi und Anton Tschechow. \u00dcber ihre Begegnungen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>48:10<\/p><p>O-Ton Marlen Chuziew<\/p><p>Ich liebe nat\u00fcrlich die Milieuschilderung und ich habe auch hier dem Milieu viel Aufmerksamkeit gewidmet und sehr viele Stimmungsbilder gedreht, aber immer mit den beiden Protagonisten. Hinzu kamen dann immer wieder die tragenden Gedanken. Es ist ja \u00fcberliefert, dass Tschechow ein Telegramm geschickt hat: \u201eTolstoi war da. Gespr\u00e4ch \u00fcber die Unsterblichkeit\u201c. Sie sprachen also \u00fcber die Unsterblichkeit, aber eigentlich war es ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zum Leben. Mich hat die Unsterblichkeit nie interessiert, aber das Verh\u00e4ltnis zum Leben schon.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>49:00<\/p><p>O-Ton Michail Pachomenko<\/p><p>Wir wollten keinen Spielfilm\u2026 Es entsteht der Eindruck, dass Chuziew einen Dokumentarfilm dreht. Als ob es \u00fcberhaupt kein Film, sondern ein Lebensfluss ist. Wie bei Dokumentaraufnahmen. Ohne jede Schauspielerei\u2026<\/p><p>\u00a0<\/p><p>49:35<\/p><p>31. M\u00e4rz 1902 auf der Krim. Drei Monate schwebte Tolstoi damals zwischen Leben und Tod. Eine schwere Lungenentz\u00fcndung mit Komplikationen hatte ihn ereilt. Die ganze Familie bangte um ihn. Ein Sonderzug der Regierung stand schon f\u00fcr den Todesfall bereit.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a051:13<\/p><p>Selbst von Krankheit gezeichnet, besucht auch Tschechow den kranken Tolstoi. Er wird noch vor dem gro\u00dfen Alten sterben \u2013 1904.<\/p><p>\u201eSterben hei\u00dft sich der Mehrheit anschlie\u00dfen\u201c \u2013 Tolstoi liebte diesen Spruch. Er aber hatte es damit nicht eilig. Er lebte weiter und begegnete dem Film.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>00:12 Dieser Film handelt von einer Begegnung. Von der der jungen, eben erst geborenen Filmkunst. Und des gro\u00dfen alten Dichters Leo Tolstoi. 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