{"id":286,"date":"2020-05-28T09:38:13","date_gmt":"2020-05-28T09:38:13","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=286"},"modified":"2020-05-28T09:38:57","modified_gmt":"2020-05-28T09:38:57","slug":"neues-bauen-die-berliner-moderne-kommentartext","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=286","title":{"rendered":"Neues Bauen. Die Berliner Moderne, Kommentartext"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"286\" class=\"elementor elementor-286\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-44d7861 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"44d7861\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-cdf1c78\" data-id=\"cdf1c78\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-4429739 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"4429739\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Die meisten hier wundern sich: &#8222;Weltkulturerbe? Det is hier doch keen Weltkulturerbe. Sagen se det ma der Hausverwaltung!&#8220; Na ja&#8230; Vielleicht mu\u00df mam zweimal hinsehen. Vielleicht mu\u00df man in die Vergangenheit sehen, um zu begreifen, was die Siedlungen der Berliner Moderne bedeuten. Gr\u00fcn. Gartenstadt. Als die Gartenstadt Falkenberg gebaut wurde, war es nicht selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df Kinder Licht und Sonne sahen. Und Farben. Falkenberg entstand 1913, kurz vor dem 1. Weltkrieg, noch in der Kaiserzeit. In M\u00fcnchen malten damals Kandinsky und Franz Marc in leuchtenden Farben. In Berlin Kirchner und die Maler der &#8222;Br\u00fccke&#8220;. Der Architekt dieser Siedlung war ein Mann aus K\u00f6nigsberg. Von der Ostseek\u00fcste her kannte er bunte, kleine Fischerh\u00e4uschen. Er hie\u00df Bruno Taut. Und &#8222;Tuschkastensiedlung&#8220; war der Name, den der Volksmund der Gartenstadt bald gab. Der vielen bunten H\u00e4uschen wegen. Zu jedem geh\u00f6rte ein Garten, der fr\u00fcher der Selbstversorgung diente. Nicht dort zu wohnen, wo man arbeitet, sondern im Gr\u00fcnen. An einem Ort der Familie und der Erholung. Das war die Idee. Eine Vorstadtsiedlung, seither tausendfach kopiert und variiert, nie mehr so sch\u00f6n.<\/p><p>Es verging einige Zeit, der Krieg ging vor\u00fcber, der Kaiser dankte ab, ehe Bruno Taut eine weitere Siedlung in Berlin baute. Diesmal st\u00e4dtisch, im Berliner Wedding. Hier zeigte er sich ganz anders: Roter Backstein, unverputzt, fremd eigentlich in Berlin. Ziegel, kombiniert mit jenem Baumaterial, das damals seinen Siegeszug um den Globus erst antrat: Stahlbeton. Taut&#8217;sche Farben ziehen sich ins Detail zur\u00fcck. Taut war in Holland gewesen, von dort hatte er die Idee zur Gestaltung dieser Siedlung mitgebracht. Grundsteinlegung war 1924. Es sind nicht ihre architektonischen Neuerungen, die diesen Wohnh\u00e4usern ihren Rang geben. Es ist der sozialreformerische Gedanke. Hier wurde nicht um des Profits willen gebaut, nicht der Mieteinnahmen wegen.<\/p><p>Die Siedlung am Schillerpark ist, wie die anderen Welterbesiedlungen auch, ein Genossenschaftsprojekt. Hier baute die Weimarer Republik. Man kann das als Teil des gro\u00dfen sozialdemokratischen Projekts begreifen. Nicht mehr der Weg der Arbeiterklassen durch Verelendung zur Revolution, wie Marx es erwartet hatte, sondern stetige Verbesserung der Lebensumst\u00e4nde als Aufstieg zum Gl\u00fcck. Wenn es Abend wird, gehen nacheinander die Gaslaternen an und verbreiten ihr behagliches Licht. Ach, st\u00fcnden sie doch auch unter dem Schutz der UNESCO! Nicht auszudenken, wenn sie irgendwann einer \u00d6ko-\u00dcberlegung zum Opfer fielen.<\/p><p>Auch dies ist Taut. Die Hufeisensiedlung. Er schuf sie gemeinsam mit Martin Wagner, der Sozialdemokrat war und ab 1926 Stadtbaurat. Im Zentrum der Gro\u00dfsiedlung &#8211; der ersten Gro\u00dfsiedlung in Deutschland, mehr als 1000 Wohneinheiten &#8211; umschlie\u00dft ein hufeisenf\u00f6rmiges Geb\u00e4ude eine Gr\u00fcnfl\u00e4che mit G\u00e4rten und einem eiszeitlichen Pfuhl. Gleichheit, Gleichrangigkeit seiner Bewohner sollte das Hufeisen demonstrieren. Keine Vertikalen, keine hierarchischen Strukturen. Die Gr\u00fcnanlage &#8211; Taut nannte sie Au\u00dfenwohnraum &#8211; hat der Gartenarchitekt Leberecht Migge geplant, der sich \u00fcber den heutigen Zustand beklagen w\u00fcrde. Der Pfuhl lag damals frei, ohne wilden Randbewuchs, und gab mit seiner Form die Gestalt der ganzen Siedlung vor. Das war sch\u00f6n, aber heute ist das Biotop wichtiger als die Gestaltung, und die Fr\u00f6sche, wie Sie h\u00f6ren, sch\u00e4tzen den T\u00fcmpel sehr. Alle G\u00e4rten waren mit Kirschb\u00e4umen bepflanzt, die im Fr\u00fchling bl\u00fchten. Davon steht keiner mehr, stattdessen das, was jedem G\u00e4rtner gerade pa\u00dft. In den vom Hufeisen ausgehenden Stra\u00dfenz\u00fcgen dominieren wieder Taut&#8217;sche Farben. Aber: Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge sind jetzt monochrom rot, und das wirkt nicht mehr so gem\u00fctlich wie in der Tuschkastensiedlung. Sondern irgendwie manisch und &#8211; tja &#8211; politisch. Die Bauzeit war zwischen 1925-30, die Weimarer Demokratie geriet in Bedr\u00e4ngnis zwischen den Kommunisten und Hitler. Tauts Fassaden haben jetzt etwas Rohes, sie sprechen eher von Kampf als von Idylle. Die H\u00e4userfronten mit ihren Fenstern ohne L\u00e4den wirken wie Gesichter ohne Augenbrauen. Eine &#8222;Rote Front&#8220; &#8211; so nannte man sie wirklich &#8211; riegelt die Siedlung nach Osten ab. In unseren Tagen ungl\u00fccklich restauriert &#8211; die Treppenh\u00e4user waren urspr\u00fcnglich in hellerem Rot &#8211; wirkt sie wom\u00f6glich noch feindseliger als damals. Eine Architektur der Konfrontation. Hinter der martialischen Kulisse aber geht es fr\u00f6hlich und harmonisch zu.<\/p><p>Die &#8222;Wohnstadt Carl Legien&#8220; am Prenzlauer Berg, 1928-30, ist die letzte Taut&#8217;sche Siedlung im Welterbe-Ensemble. Und seine st\u00e4dtischste. Da\u00df hier 1200 Bewohner auf eigentlich engem Raum leben, empfindet man nicht. Alle Wohnungen sind gro\u00dfz\u00fcgigen und luftigen Innenh\u00f6fen zugekehrt. Die Erschlie\u00dfungsstra\u00dfen dagegen bescheiden, aber nicht abweisend.<\/p><p>Ganz dem Gestus der Epoche verpflichtet &#8211; die &#8222;Wei\u00dfe Stadt&#8220; in Berlin-Reinickendorf, 1929-31. Sie hat etwas Wahrzeichenhaftes, korrespondiert mit k\u00fchnen konstruktivistischen Entw\u00fcrfen in der Sowjetunion, wo sich jedoch schon ein anderer, eher traditioneller, imperialer Baustil etablierte. Hier manifestiert sich der erwartete Triumph der Arbeiterklasse in einer neuen Bau\u00e4sthetik. \u00dcber Taut, der hier nicht mehr beteiligt ist, geht die Architektur hinaus: Baumeister und Bewohner setzen sozusagen ein gemeinsames Zeichen. Gleichf\u00f6rmigkeit, Serie, Reihung &#8211; das war n\u00f6tig, um die Kosten niedrig zu halten. Rentabilit\u00e4tsberechnungen, Rationalisierung, Bauteile in Masse vorgefertigt. Heute wird alles in Masse hergestellt, damals aber hatte das Wort &#8222;Masse&#8220; einen guten Klang. \u00c4sthetisch ist die Wei\u00dfe Stadt wohl nie \u00fcbertroffen worden. Sie ist Symbol einer Epoche und dennoch zeitlos modern.<\/p><p>Eine durchgr\u00fcnte Stadtlandschaft schwebte Hans Scharoun vor, dem Masterplaner der Ring-Siedlung Siemensstadt, ebenfalls 1929-31. &#8222;Panzerkreuzer&#8220; nannten die Berliner dieses Haus von Scharoun. Sie dachten dabei wohl weniger an des Kaisers untergegangene Kriegsmarine als an den Revolutionsfilm &#8222;Panzerkreuzer Potemkin&#8220;, der in Deutschland gro\u00dfen Erfolg hatte. Siemensstadt wurde zu einem pr\u00e4genden Vorbild im internationalen St\u00e4dtebau der Nachkriegsjahre. Der &#8222;Lange Jammer&#8220;, eine \u00fcber 300m lange, strenge Zeile von Otto Bartning. Nach au\u00dfen hin kaum weniger karg: Die H\u00e4user, mit denen Walter Gropius sich an der Ring-Siedlung beteiligte. Nach innen, zur Hofseite, gro\u00dfe Gr\u00fcnfl\u00e4chen, alte B\u00e4ume, die sichere, unaufdringliche Eleganz des Bauhaus-Gr\u00fcnders.<\/p><p>Baugeschichtlich ist es von Siemensstadt nur ein kleiner Schritt zum sozialen Wohnungsbau der Nachkriegsjahre. Diese Trabantenstadt hier tr\u00e4gt nicht zuf\u00e4llig den Namen von Walter Gropius. Gropiusstadt, die legitime Nachfolgerin der Berliner Moderne &#8211; und ein sozialer Brennpunkt. So endet es. Und begonnen hatte es so.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten hier wundern sich: &#8222;Weltkulturerbe? Det is hier doch keen Weltkulturerbe. Sagen se det ma der Hausverwaltung!&#8220; Na ja&#8230; Vielleicht mu\u00df mam zweimal hinsehen. [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.8.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Neues Bauen. 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