{"id":300,"date":"2020-05-28T09:59:17","date_gmt":"2020-05-28T09:59:17","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=300"},"modified":"2020-05-28T09:59:46","modified_gmt":"2020-05-28T09:59:46","slug":"paestum-und-velia-was-steht-und-nicht-vergeht-kommentartext-von-andreas-christoph-schmidt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=300","title":{"rendered":"Paestum und Velia. Was steht und nicht vergeht, Kommentartext von Andreas Christoph Schmidt"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"300\" class=\"elementor elementor-300\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-da7b6ec elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"da7b6ec\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-b4cd3c7\" data-id=\"b4cd3c7\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-738b303 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"738b303\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Wer nach Paestum reist, nach S\u00fcditalien, stellt sich nicht unbedingt auf schweren Regen ein. Goethe hatte bei seinem Besuch im M\u00e4rz 1787 wohl keinen Regen. Er erw\u00e4hnt das Wetter gar nicht. Furchtbar aber erschienen ihm die l\u00e4nglich-viereckigen Massen der Tempel auf den ersten Blick. &#8222;Der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer v\u00f6llig fremden Welt.&#8220; Dann begriff er: Er stand vor Bauwerken, die seine Auffassung des Sch\u00f6nen f\u00fcr immer ver\u00e4nderten. &#8222;In weniger als einer Stunde f\u00fchlte ich mich befreundet, ja ich pries den Genius, da\u00df er mich diese so wohlerhaltenen Reste mit Augen sehen lie\u00df.&#8220;<\/p><p>Paestum, mit griechischem Namen Poseidonia, war eine, nicht die \u00e4lteste, nicht die gr\u00f6\u00dfte der griechischen St\u00e4dte in Unteritalien. In Westgriechenland oder der Magna Graecia. Gegr\u00fcndet wurde sie von Siedlern aus Kleinasien um 600 vor Christus. Wer heute nach Paestum kommt, der ist nicht mehr ganz in Italien. Mit dem Herzen ist er in Griechenland. Die Tempelruinen von Paestum hatten viele dunkle Jahrhunderte in Kampanien verschlafen. Die Geschichte war an ihnen vor\u00fcbergegangen. Zum Gl\u00fcck. Nicht lange vor Goethes Italienreise waren sie \u00fcberhaupt erst wiederentdeckt worden. Erstaunlich, nicht? Man mu\u00dfte sie nicht ausgraben, sie standen einfach da. Hinter einer fast f\u00fcnf Kilometer langen, zyklopischen Mauer. Erst als man eine Stra\u00dfe durch die Kampagne baute, und die Tempel ihr im Weg standen, wurde man sich ihrer bewusst. Nun aber hob eine gesamteurop\u00e4ische Begeisterung an. Jeder noble Engl\u00e4nder auf Grand Tour, all die beflissenen Deutschen auf Bildungsreise \u2013 sie machten unbedingt Station in Paestum, und hier lernten sie, was ein griechischer Tempel ist. Und als in der Mitte des 19. Jh Jacob Burckhardts Cicerone erschien, der tausendseitige Wegweiser zu allen damals bekannten Kunstdenkm\u00e4lern Italiens, da stand auf Seite 1: &#8222;Welchem Geb\u00e4ude hier die erste Stelle geb\u00fchrt, dar\u00fcber wird wohl kein Zweifel herrschen.&#8220; Er meinte den gr\u00f6\u00dften der drei Tempel von Paestum, den man damals f\u00fcr einen Neptuntempel hielt und heute f\u00fcr einen Apollotempel.<\/p><p>Wer in Burckhardts Cicerone bl\u00e4ttert und sieht, wie geizig er bei der Beschreibung von Kunstwerken ist, geradezu kr\u00e4nkend knapp, blo\u00df kein Wort zuviel, der hat eine Ahnung, was ihm Paestum wert war, wenn er den Satz liest: &#8222;Was das Auge hier erblickt, sind eben keine blo\u00dfen Steine, sondern lebende Wesen.&#8220; Im Angesicht des Tempels versteht man schnell, was Burckhardt meinte: Er scheint in einer Art von Bewegung zu sein. Goethe schreibt im Faust, lange nach Paestum: &#8222;Ich glaube fast, der ganze Tempel singt.&#8220; Wir meinen heute zu wissen, wie die Griechen das erreicht haben. Am ganzen Geb\u00e4ude gibt es keine gerade Linie, keine ebene Fl\u00e4che. Was gerade scheint, ist in Wahrheit gew\u00f6lbt. Und: Alles steht mit allem in Verbindung und Wechselwirkung.<br \/>Die S\u00e4ulen sind bauchig, verj\u00fcngen sich nach oben, ihre Kannelierung, die senkrechten Rillen, verst\u00e4rkt die Aufw\u00e4rtsbewegung. Diese unb\u00e4ndige Erdkraft trifft auf einen w\u00fcrdigen Gegner: So stark ist das Geb\u00e4lk, da\u00df es die S\u00e4ulenenden zu W\u00fclsten auseinander dr\u00fcckt. Das dorische Kapitell. Die Einkerbungen erwecken den Eindruck, der Stein habe eine Haut, die sich hier f\u00e4ltelt, w\u00e4hrend das Innere zusammengepre\u00dft wird. Was den S\u00e4ulen an Kraft bleibt, nimmt der Giebel auf. Sein Winkel steht im Verh\u00e4ltnis mit der Wulst der Kapitelle, der Bauchung der S\u00e4ulen, ihrer Dicke, ihrer Anzahl usw. Eine Ver\u00e4nderung irgendwo w\u00fcrde eine Ver\u00e4nderung \u00fcberall nach sich ziehen. Das sp\u00fcrt jeder, und jeder sagt: Der Tempel lebt irgendwie.<\/p><p>Von Paestum geblieben sind gro\u00dfartige Ruinen. Aber wer hier baute und lebte, wissen wir nicht. Eine einzige Erw\u00e4hnung, die eines Sportlers aus Poseidonia, der sich 468 vor Christus bei der Olympiade auszeichnete \u2013 sonst nichts. Er hie\u00df \u00fcbrigens Parmenides, und Parmenides war auch der Name des gro\u00dfen Sohns jener Stadt, die wir jetzt besuchen werden, kaum 50 km s\u00fcdlich von Paestum.<\/p><p>Ein Wanderer, der sich aus einem der cilentanischen Bergd\u00f6rfchen Richtung Meer aufmacht und \u00fcber die H\u00fcgelketten streift, k\u00f6nnte ganz unverhofft eine atemberaubende Entdeckung machen: Diese Ziegel, auf denen ich hier hin und wieder gehe \u2013 wo kommen die eigentlich her? Die hat doch niemand hingesch\u00fcttet! Diese Steine, die seit einiger Zeit meinen Weg s\u00e4umen \u2013 die liegen doch nicht zuf\u00e4llig da! Diese Spalte im Fels, sie ist doch nicht nat\u00fcrlich entstanden! Sie sieht aus wie eine Wasserleitung. Ist dies eine Stadtmauer? Sind dies nicht etwa Tempelstufen? So ungef\u00e4hr wurde Elea wiederentdeckt, mit r\u00f6mischem Namen Velia, bis dahin schlief es unerkannt unter B\u00fcschen und den Ruinen sp\u00e4terer Bauten.<\/p><p>Hier stehen keine Tempel mehr, sie sind alle untergegangen. Aber dieser Ort, der langsam, Stein f\u00fcr Stein, Scherbe f\u00fcr Scherbe, mit dem Tempo der Arch\u00e4ologen, aus dem Staub, so gut es noch geht, zur\u00fcckgewonnen wird, dieser Ort war, ohne dass man wusste &#8211; eine bronzene Nadel, r\u00f6misch &#8211; ohne dass man wusste, wo er sich befand, den Philosophen aller Jahrhunderte ein gro\u00dfer Begriff: Elea \u2013 hier lehrte Parmenides. Und was er lehrte, besch\u00e4ftigt die Philosophie bis heute. Die graue, por\u00f6se Schicht \u00fcbrigens, das ist Vulkanasche. Sie stammt vom Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus, der Pompeji und Herkulaneum versch\u00fcttete.<\/p><p>Was k\u00f6nnen Menschen wissen?<br \/>Was ist Sein?<br \/>Ist Sein endlich?<br \/>Hat es einen Anfang?<br \/>K\u00f6nnen Menschen \u2013 Seiende \u2013 etwas \u00fcber das Nichtsein wissen? Was \u00fcberhaupt k\u00f6nnen Menschen wissen?<\/p><p>Um solche Fragen kreist die Philosophie des Parmenides, der um 500 v. Chr. hier in Elea geboren wurde.<\/p><p>Dieses Tor, heute Porta Rosa genannt, ist das imposanteste erhaltene Bauwerk Velias.\u00a0&#8222;Dort ist das Tor der Wege zwischen Nacht und Tag.&#8220; Es stammt aus dem vierten Jahrhundert, ist also etwas j\u00fcnger als Parmenides, dennoch denkt man unweigerlich an den Philosophen.<\/p><p>&#8222;Dort also, mitten hindurch, gerade dem Wege nach, lenkten die M\u00e4dchen Wagen und Pferde.&#8220; Das Lehrgedicht, aus dem wir seine Philosophie kennen, beginnt mit der Fahrt durch ein Tor. Dahinter erwartet die G\u00f6ttin Dike den Denker. &#8222;Und freundlich empfing mich die G\u00f6ttin, ergriff meine Rechte, redete mich an und sagte das folgende: J\u00fcngling, Gef\u00e4hrte unsterblicher Lenkerinnen, der du mit den Pferden, die dich fahren, zu unserem Haus gelangt bist \u2013 Heil dir! Denn kein schlechtes Geschick sandte dich auf diesen Weg.\u201c<\/p><p>Die Eleaten liebten Dinge, die auf den ersten Blick unsinnig schienen. Und au\u00dferdem liebten sie den Widerspruch. Der g\u00e4ngigen These Heraklits \u201eAlles flie\u00dft\u201c setzte Parmenides ein gelassenes \u201eAlles steht!\u201c entgegen \u2013 und f\u00fchrte den logischen Beweis. Und hier, ja vielleicht hier an dieser Stelle, erheiterte sein Sch\u00fcler Zenon die Zuh\u00f6rer mit der Parabel von Achilles und der Schildkr\u00f6te. Und brachte sie ins Nachdenken.<\/p><p>Der Schnell\u00e4ufer Achilles kann die Schildkr\u00f6te, die ein paar Meter Vorsprung hat, nicht \u00fcberholen. Denn wenn der Achill die paar Meter zur\u00fcckgelegt hat, ist ja die Schildkr\u00f6te schon ein St\u00fcckchen weiter. Und hat Achill das St\u00fcckchen hinter sich gebracht, ist die Schildkr\u00f6te eine Winzigkeit weiter, und so geht es endlos. Der Philister winkt ab und beugt sich \u00fcber seinen Nudeltopf. Die Mathematik aber begann nach der Formel zu suchen, die Zenon widerlegt und beweist, da\u00df Achilles das Tier \u00fcberholt. Sie brauchte dazu bis in die Neuzeit und ist sich auch heute noch ihres Erfolgs nicht ganz sicher.<\/p><p>Auf dem vorspringenden Felsen, den damals das Meer umsp\u00fclte \u2013 heute alles verlandet und besiedelt \u2013 steht wie ein hohler Zahn die Ruine einer Festung aus den Tagen der Anjou, 14. Jahrhundert. Sie steht &#8211;\u00a0man kann nur mit den Z\u00e4hnen knirschen &#8211;\u00a0auf den Stufen eines Tempels, der nicht fertiggestellt wurde oder untergegangen ist. Die K\u00fcste verlief \u00fcbrigens etwa dort, wo heute die Bahn f\u00e4hrt, die auch den Tempelberg durchbohrt. \u00c4lter als die Festungsruine, vor allem aber sch\u00f6ner, ist das kleine romanische Kirchlein, das M\u00f6nche im Hochmittelalter erbauten. Es steht \u00fcber dem griechischen Theater, mitten auf dem Weg, der in den Tempelbezirk f\u00fchrte. So als wollte es den heidnischen G\u00f6ttern den Weg versperren, hinab zu den Christenmenschen. Was damals noch stand von den Tempeln, wei\u00df man nicht. Jedenfalls waren die M\u00f6nche um Baumaterial nicht verlegen.<\/p><p>Diese B\u00fcste des Parmenides wurde hier in Elea ausgegraben. Sie stammt aus sp\u00e4terer, r\u00f6mischer Zeit. Die R\u00f6mer wu\u00dften, wer er war, und hielten ihn in Ehren. Die Arch\u00e4ologen haben sie ausgerechnet in die Apsis der kleinen, k\u00e4mpferischen Kirche gestellt. Dorthin, wo einst das Kreuz stand. Diesen Kampf hat das Kirchlein wohl verloren.<\/p><p>Alles steht, nichts vergeht.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer nach Paestum reist, nach S\u00fcditalien, stellt sich nicht unbedingt auf schweren Regen ein. Goethe hatte bei seinem Besuch im M\u00e4rz 1787 wohl keinen Regen. [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.8.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Paestum und Velia. 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