{"id":304,"date":"2020-05-28T10:05:34","date_gmt":"2020-05-28T10:05:34","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=304"},"modified":"2020-05-28T10:05:59","modified_gmt":"2020-05-28T10:05:59","slug":"ravenna-am-ende-der-antike-kommentartext-von-andreas-christoph-schmidt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=304","title":{"rendered":"Ravenna. Am Ende der Antike, Kommentartext von Andreas Christoph Schmidt"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"304\" class=\"elementor elementor-304\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-5954bcd elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"5954bcd\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-a8062e8\" data-id=\"a8062e8\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-e8e06c3 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"e8e06c3\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Als das R\u00f6mische Reich die Welt beherrschte, gr\u00fcndete Kaiser Augustus an der italienischen Adria eine Stadt. Sie hie\u00df einfach Classis, die Flotte. Augustus gr\u00fcndete sie der Pinienw\u00e4lder wegen, deren Holz er f\u00fcr seine Schiffe brauchte. Vom antiken Classis ist nichts geblieben, aber eine Kirche steht hier, die etwa 500 Jahre nach Augustus gebaut wurde, eine m\u00e4chtige Basilika, S. Appollinare in Classe. Wer sie betritt, macht einen Schritt in eine andere, fast vergessene Zeit. S. Appollinare liegt heute am Stadtrand von Ravenna, das es damals auch schon gab, als r\u00f6misches oppidum.<br \/>Von Ravenna aus aber wurde einst das Abendland regiert.<br \/>Man sieht es der Stadt nicht an. Unter den italienischen Sch\u00f6nheiten ist sie eher ein Mauerbl\u00fcmchen. Sie lebt von der Industrie, weniger vom Tourismus. Im Krieg war Ravenna Ziel alliierter Luftangriffe, die auch einige der \u00e4ltesten Kirchen trafen. S. Giovanni Evangelista, entstanden kurz nach 424, wurde wieder aufgebaut, aber so, da\u00df sie in den Reisef\u00fchrern heute meistens fehlt. Dante fand in Ravenna Zuflucht. Starb auch hier, 1321. Sein Grabmal, derzeit verborgen. Und hier hat Lord Byron gewohnt. Der gro\u00dfe Dichter und Exzentriker. 1820-21. Mit seiner Geliebten, einer italienischen Gr\u00e4fin. Byron ging nie an Dantes Grab vor\u00fcber, ohne tief den Hut zu ziehen. Von Ravenna zog es ihn nach Griechenland. Zu einem milit\u00e4rischen Kommando. Dort starb er auch, ein Dichter in Waffen.<\/p><p>Wie verzaubert st\u00fcnden die uralten Kirchen der Gotenzeit in der doch eigentlich entt\u00e4uschenden Gegenwart Ravennas, schrieb der deutsche Italienreisende Ferdinand Gregorovius bereits in der Mitte des 19. Jh. Wenn man sie aber aufsuche, wehe einen die Vergangenheit mit gro\u00dfer Macht an. Die Krypta von S. Francesco steht seit Jahrhunderten unter Wasser. Dieser kleine Kreuzbau ist das Mausoleum der R\u00f6mischen Kaiserin Galla Placidia. Sie liegt hier nicht, lag hier vielleicht nie; sie starb nach einem Leben voller Drangsal und K\u00fcmmernisse 450 in Rom. Wer in den drei Sarkophagen in den Kreuznischen bestattet wurde, wei\u00df man nicht. Vielleicht ihr zweiter Mann, Honorius, wohl nicht ihr Sohn, Valerian III., der bald nach ihrem Tod ermordet wurde, vielleicht ihre Tochter Honoria, die sich mit dem Hunnen Attila verlobt hatte; Etzel in der Nibelungensage. Galla Placidia mag sich bei Lebzeiten an den Mosaiken ihres Grabs aufgerichtet haben. Der Hl. Laurentius, der so unbek\u00fcmmert den Flammen entgegengeht. Diese Mosaiken geh\u00f6ren zu den \u00e4ltesten Werken christlicher Kunst. Man steht gebannt unter ihnen und kann ihnen ihr Alter nicht glauben. Als Dante sie sah, waren sie bereits 900 Jahre alt. Als Lord Byron hier stand, fast 1400. Dies ist Jesus Christus. Der Gute Hirte. Die fr\u00fchen Christen sahen ihn als einen lieblichen, bartlosen J\u00fcngling. Er tr\u00e4gt die Toga eines r\u00f6mischen Konsuls. Galla Placidias Mausoleum steht wie ein Denkmal am Ende des Altertums. Nach ihm zieht bereits das Mittelalter herauf. Germanen werden Italien erobern. 493 fiel Ravenna an den Goten Theoderich. Er lie\u00df wohl sogleich diese kleine Kirche bauen, die heute der rum\u00e4nisch-orthodoxen Gemeinde Ravennas dient. Und nebenan die Taufkapelle der Arianer. Die Goten waren Arianer: Christen zwar, aber keine Katholiken. Ketzer. Jesus auch hier ein zarter, ja weichlicher J\u00fcngling. Johannes der T\u00e4ufer, der Hl. Geist als Taube, und jemand, der noch aus der antiken G\u00f6tterwelt zuschaut: die Personifikation des Flusses Jordan, ein Wassergott mit einem Schilfrohr in der Hand und Krebsscheren auf dem Kopf.<\/p><p>Der Geist Theoderichs, Dietrich von Bern in der Sage, ist in Ravenna \u00fcberall gegenw\u00e4rtig. Fr\u00fcher galt dieses Gem\u00e4uer als ein Rest seines Palastes. 30 Jahre lang herrschte er \u00fcber Italien. Der Kaiser in Byzanz duldete die Goten, solange er mu\u00dfte. Nach Theoderichs Tod griff er an. Ganz in der N\u00e4he des Palastes steht diese Kirche, unter Theoderich hie\u00df sie Basilika unseres Herrn Jesus Christus, sp\u00e4ter und bis heute S. Appollinare Nuovo. Nicht nur das Ger\u00fcst der Restauratoren, auch einiges weitere steht dem Erlebnis dieser Basilika im Wege. Die Barockapsis zum Beispiel. Sie pa\u00dft so schlecht zu der alten Kirche, da\u00df man gar nicht hinsehen m\u00f6chte. Die Mosaiken von S. Appolinare Nuovo aber sind besonders prachtvoll. Und sie gew\u00e4hren Einblick in das Dunkel der Geschichte.<\/p><p>Classis, die untergegangene Hafenstadt. Dies ist die \u00e4lteste Darstellung einer konkreten Stadt, wenn man von den idealisierten Bildern Jerusalems und Bethlehems absieht. Als Ferdinand Gregorovius in Ravenna war, um 1850, wurden diese Mosaiken restauriert. Von einem r\u00f6mischen Restaurator mit dem Namen Kibel. Man wei\u00df ihm heute wenig Dank f\u00fcr die Restauration, denn angeblich hat er in Classis nach eigenem Gusto hinzugebaut und sich auch sonst manche Freiheit genommen.<\/p><p>Der Zug der Jungfrauen und, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite, der Zug der M\u00e4rtyrer, sind j\u00fcnger als die Kirche selbst, sie stammen aus der Zeit nach der Eroberung Ravennas durch den byzantinischen Feldherren Belisar im Jahre 540. Daher werden die M\u00e4rtyrer von St. Martin angef\u00fchrt , dem gro\u00dfen Ketzerbek\u00e4mpfer. Ihm wurde damals die Kirche auch geweiht. Aus der Gotenzeit sind die Szenen aus dem Leben Jesu geblieben. Sie zeigen die typische Spontaneit\u00e4t und Lebensn\u00e4he der fr\u00fchesten Mosaiken. Geblieben ist auch dieses Bild von Theoderichs Palast, auf der rechten Seite des Mittelschiffs, dem der Stadt Classis gegen\u00fcber. Er war nicht immer so leer. Urspr\u00fcnglich standen Menschen unter den goldenen B\u00f6gen. Theoderich selbst wahrscheinlich und sein Hofstaat. Da! Eine Hand. Ein Arm! Der Schatten eines Menschen!&#8230; Wen man endg\u00fcltig ausl\u00f6schen will, dessen Bilder mu\u00df man beseitigen. Nach der Vernichtung der Goten in der mythischen Schlacht am Vesuv wurden auch die Bilder der Goten vernichtet, und wir haben heute keine Vorstellung, wie Theoderich der Gro\u00dfe aussah. Dies ist nicht etwa Theoderich, sondern der Kaiser von Byzanz, Justinian I., dessen Feldherren Belisar und Narses die Goten vernichteten. Justinian hat Ravenna nie gesehen, aber hier ist sein Bild erhalten. Wir sind in San Vitale, keine Basilika, sondern ein Zentralbau, der bedeutendste wohl in Italien, begonnen noch zur Zeit der Goten, aber wahrscheinlich mit byzantinischem Geld, fertiggestellt und ausgeschm\u00fcckt nach der Einnahme der Stadt.<\/p><p>Gegen\u00fcber aber, an der anderen Wand der Apsis, des Kaisers Kaiserin, Theodora. Sie hat einen sehr schlechten Ruf \u2013 eine \u00f6ffentliche Dirne sei sie gewesen, ehe sie dem Kaiser ins Auge stach. Aber hier in S. Vitale tr\u00e4gt sie einen Heiligenschein.<\/p><p>Die Kirchen Ravennas, auch das Mausoleum der Galla Placidia und die Baptisterien, sind aus Ziegeln erbaut. Das Grab Theoderichs jedoch, drau\u00dfen vor der Stadt, damals direkt am Meeresufer, ganz aus istrischem Kalkstein. Als wollte er noch einmal sagen: Ich bin keiner von euch. Seine Kuppel von 11m Durchmesser ist aus einem einzigen Stein gehauen. Es ist das Grabmal eines Germanen, aber eines, der lange durch die r\u00f6mische Schule gegangen ist. Der Zangenfries, die Dachhenkel, der Umgang \u2013 alles hat zu denken und zu deuten gegeben. Herausgekommen sind Vermutungen, Hypothesen, k\u00fchner, ja manchmal bezaubernder Einfall. Nicht zum Anheben des Dachs seien die zw\u00f6lf Kragsteine da \u2013 sie versinnbildlichten die Stangen der gotischen Kriegszelte. Und der umlaufende, runen\u00e4hnliche Zangenfries \u2013 das seien Klammern, wie sie an den Zelten verwendet wurden. Oder aber: Ist dieser Dachmonolith des Goten nicht einfach ein barbarischer Helm?<\/p><p>Unser Unwissen zeigt, aus welcher Ferne dieses und die anderen Denkm\u00e4ler Ravennas kommen. Es sind nicht die 1500 Jahre allein. Es ist die Entr\u00fccktheit dieser seltsamen Zwischenzeit zwischen R\u00f6mischem Imperium und christlichem Mittelalter. Wir wissen wenig, und was w\u00fc\u00dften wir, h\u00e4tten die Denkm\u00e4ler Ravennas nicht \u2013 eigentlich ein Wunder \u2013 die Zeit \u00fcberdauert.<\/p><p>War diese Porphyrwanne der Sarkophag Theoderichs? Porphyr war den Kaisern vorbehalten. Theoderich aber war ein gel\u00e4uterter Barbar. Seine Gebeine wurden bald nach seinem Tod verstreut. Seine Tochter \u00fcbernahm die Regentschaft und wurde ermordet, sein Volk geschlagen, vertrieben und vernichtet. Auf ihre Weise h\u00e4lt die Sage das Schicksal Theoderichs und der Goten besser fest, als die Wissenschaft es k\u00f6nnte: Eines Tages meldeten Dietrichs J\u00e4ger, im Wald sei ein m\u00e4chtiger Hirsch gesehen worden. Dietrich sprang auf und rief nach seinem Pferd, da bemerkte er einen gesattelten Rappen. Er bestieg das Tier und sprengte davon. Vergeblich setzten die Diener ihm nach \u2013 einer rief: \u201eHerr, wohin reitest Du?\u201c &#8211; \u201eZu Wotan,\u201c klang es aus dem Wald zur\u00fcck \u2013 der K\u00f6nig hatte gemerkt, da\u00df es kein Pferd war, das er ritt. Er verschwand und ward nie mehr gesehen.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als das R\u00f6mische Reich die Welt beherrschte, gr\u00fcndete Kaiser Augustus an der italienischen Adria eine Stadt. Sie hie\u00df einfach Classis, die Flotte. 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