{"id":312,"date":"2020-05-28T10:11:46","date_gmt":"2020-05-28T10:11:46","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=312"},"modified":"2020-05-28T10:12:22","modified_gmt":"2020-05-28T10:12:22","slug":"holz-vom-baum-yggdrasil-die-stabkirche-von-urnes-norwegen-kommentartext-von-andreas-christoph-schmidt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/schmidt-paetzel.de\/?page_id=312","title":{"rendered":"Holz vom Baum Yggdrasil. Die Stabkirche von Urnes, Norwegen, Kommentartext von Andreas Christoph Schmidt"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"312\" class=\"elementor elementor-312\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-ccf38dc elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"ccf38dc\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-ed87e47\" data-id=\"ed87e47\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-db87d1f elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"db87d1f\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Auf dem Altar der Stabkirche von Urnes steht ein Ker\u00adzenleuchter in Form eines Wikingerschiffs, eine mittel\u00adalterliche Eisenarbeit, nicht viel j\u00fcnger als die Kirche selbst. Gut achthundert Jahre steht er da und h\u00e4tte doch jeden Tag gestohlen werden k\u00f6nnen. Da er nicht gestohlen wurde, ist er heute eins der sch\u00f6nsten Zeug\u00adnisse f\u00fcr das Land der Fjorde, in dem es bis vor weni\u00adgen Jahren keine Diebe gab. Da\u00df er nicht gestohlen wurde, ist das eine. Wenn man aber ein wenig vor ihm verweilt, kommt man leicht auf die urspr\u00fcngli\u00adche Bedeutung des Kerzenleuchters. In ruhiger Betrachtung verweilen, das ist die Methode, mit der man Schritt um Schritt das Herz einer Stabkirche gewinnt &#8211; und das eigene an sie verliert.<\/p><p>Neun Kerzen auf einem Boot, das bedeutet: das Licht des Christentums ist mit einem Boot nach Norwegen ge\u00adkommen. Mit dem Boot, aha! Keine gro\u00dfe \u00dcberraschung. In Norwegen kommt alles mit dem Boot. Die Waren, die Menschen, die Kriege, der Dieb, der eines Tages doch den Kerzenleuchter stehlen wird &#8211; alles Schiffsfracht.<\/p><p>Wie ein emsiges Bienchen f\u00e4hrt die kleine F\u00e4hre hin und her, im Herbst, Winter und Fr\u00fchling bringt sie die Schulkinder heim, im Sommer dann ist sie voller Touristen, die Norwegens \u00e4lteste Stabkirche sehen wollen. Mit dem Schiff, das die Botschaft Christi nach Norwegen brachte, hat es aber doch eine besondere Bewandtnis: Nicht Missionare waren an Bord, sondern grausame R\u00e4uber. Das Boot ist ein Wikingerschiff. 793 waren die Wikinger in die Geschichte eingetreten, als sie die englische M\u00f6nchsinsel Lindisfarne \u00fcberfielen, die Heilige Insel, das Kloster ausraubten und die M\u00f6nche ermordeten. Sie kehrten heim in ihre Fjorde mit Beute, mit Blut an den H\u00e4nden und mit einem ersten Zweifel, ob ihr Tun richtig sei. Ihnen ging ein Licht auf &#8211; das symbolisiert der Kerzenleuchter von Urnes.<\/p><p>Das norwegische Christentum ist urt\u00fcmlich oder doch immerhin ein Eigenimport. Kein Kreuzfahrerheer, kein Ritterorden, keine Missionare in Waffen &#8211; aber dennoch wurde Norwegen mit dem Schwert christianisiert. Denn hier wie anderswo war der christliche Glaube eine der Staatsbildung n\u00fctzliche Ideologie: Ein Gott &#8211; ein K\u00f6nig &#8211; ein Reich.<\/p><p>Ein schwer zu bezwingendes Reich aber. Der Sognefjord, an dessen Nebenarm Urnes liegt, durchschneidet mit seinen Ver\u00e4stelungen das Land mehr als 200 Kilometer tief. Wer an der vielgestaltigen G\u00f6tterwelt der Germanen festhalten wollte, fand hier so manche entlegene Bucht. D\u00f6rfer und Sippschaften mu\u00dften mit Gewalt bekehrt und gezwungen werden, Kirchen zu bauen. Taten sie es nicht, kam der Krieg.<\/p><p>Auch das Kirchlein in Urnes ist wohl so entstanden, d.h. seine Vorl\u00e4uferin. Hunderte von Kirchen wurden gebaut und Hun\u00adderte haben das Mittelalter \u00fcberdauert. Auf je 500 Einwohner des d\u00fcnn besiedelten Landes kam eine Kirche. Erst in der Neuzeit begannen sie zu verschwinden, und heute gibt es noch knapp 30.<\/p><p>Was ist eine Stabkirche? Im Unterschied zum Blockbau, der erst sp\u00e4ter aufkam, stehen die Wandplanken beim Stabbau senkrecht, und das Dach wird von S\u00e4ulen oder Pfosten getragen. In \u00e4ltester Zeit wurden Planken und Pfosten in die Erde eingegraben; so war das Geb\u00e4ude stabil, aber auch der Bodenfeuchtigkeit ausgesetzt. Das konnte zwei- oder dreihundert Jahre halten, nicht aber ein Jahrtausend. Unter dem Kirchlein hat man die Pfostenl\u00f6cher von mindestens einer Vorg\u00e4ngerkirche gefunden. Der heutige Bau stammt wohl aus der Zeit um 1130. Er ist die \u00e4lteste erhaltene Holzkirche der Welt, aber eigentlich entspricht sie nicht ganz unserer Vorstellung von einer Stabkirche: keine Drachenk\u00f6pfe auf den D\u00e4chern. Technisch gesehen, geh\u00f6rt sie zu den vollendeten Stabbauten: ein Rahmengef\u00fcge, durch Steinfundamente vom feuchten Boden isoliert. Die Grundschwellen, auf denen die ganze Kirche aufbaut, ragen auf allen Seiten unter den gro\u00dfen Wandschwellen hervor. Diese werden an den Ecken von S\u00e4ulensockeln umfasst und fest zusammengehalten. Alles greift ineinander, die Kirche ist wie ein Schiff in sich selbst stabil.<\/p><p>Wieder und wieder werden die Stabkirchen mit Birkenteer gestrichen, der ihr Holz wasserabweisend macht. Besonders an der Nordseite, wo es wenig Sonne gibt, sind sie daher oft schwarz und schuppig. Stabkirchen riechen nicht nach Weihrauch, sondern nach Holz und Birkenteer. Die bei einer Stabkirche wohnen, kennen den Geruch seit ihrer Taufe.<\/p><p>Hier sieht man, wie die S\u00e4ulen, die das Mittelschiff tragen, auf den Grundschwellen stehen. Seit bald 900 Jahren. Wie viele Generationen von Menschen sind \u00fcber diese Schwellen hinweggegangen, haben das Holz dieser S\u00e4ulen mit den H\u00e4nden ber\u00fchrt!<\/p><p>Die S\u00e4ulenkapitelle sind in Urnes denen romanischer Steinkirchen nachempfunden. Das ist eine Besonderheit des Urneskirchleins, dessen Vorbilder in Rom oder Ravenna stehen, in Avignon oder Aachen. Solche W\u00fcrfelkapitelle sind an h\u00f6lzernen S\u00e4ulen ei\u00adgentlich Fremdk\u00f6rper. Da sie gr\u00f6\u00dfer sind als das zur Verf\u00fcgung stehende Bauholz, wurden die Ecken mit Holzn\u00e4geln angesetzt. Die Schnitzerei geht vielleicht auf die Buchkunst der fr\u00fchen irisch-schottischen M\u00f6nche zur\u00fcck, eben jener, die so oft Opfer von Wikinger-\u00dcberf\u00e4llen waren.<\/p><p>Auff\u00e4llig unter den r\u00e4tselhaften Symbolen: die Figur eines Bischofs. Wer er auch war, als Bischof war er ein Mann Roms, berufen durch den Papst. Als h\u00e4tten die Erbauer der Kirche ein Zeichen f\u00fcr Rom setzen wollen in ihrer noch halb heidnischen Welt. Aber wo es dunkel war, kam das Alte immer wieder durch. Mittelalterliche Graffiti an den Innenw\u00e4nden zeigen, wie sehr die Gl\u00e4ubigen immer noch der heidnischen Bilderwelt zugewandt waren. Endg\u00fcltig herausgetreten aus ihrem vorchristlichen Dunkel seien die Norweger erst mit der Reformation, meinen viele. Also seit 1537.<br \/>Licht! riefen aufgekl\u00e4rte Pastoren und lie\u00dfen m\u00f6glichst gro\u00dfe Fenster in die Kirchenw\u00e4nde s\u00e4gen.<\/p><p>Urnes hatte mehr Ver\u00e4nderungen hinzunehmen als die meisten anderen Kirchen. B\u00e4nke wurden eingebaut und eine Kanzel, von der mahnende und erbauliche Worte kamen. Fr\u00fcher war man dem Gottesdienst stehend gefolgt, im Halbdunkel oder Kerzenschein, einem Ritual, dessen Sinn man nicht bis ins letzte begriff. Der moderne Mensch aber, der nun eingezogen war, ging mit dem Verstand zu Werke. Als der Marienaltar auf der linken Seite des Kirchenschiffs abgerissen wurde (f\u00fcr die Reformatoren auch so ein Relikt aus finstrer Zeit, abergl\u00e4ubischer Jungfernkult) \u00fcbersah man, da\u00df er tragende Funktion hatte, und die ganze Kirche neigte sich zur Seite. Eilig schlug man Verstrebungen quer durchs Kirchenschiff, und noch dabei richtete man Schaden an.<\/p><p>Was das Kirchlein von Urnes vor allem auszeichnet, sind ein Portal und einige Wandplanken jener Kirche, die vor ihr hier stand. Sie war gerade mal hundert Jahre \u00e4lter, und man wei\u00df nicht, warum sie abgerissen wurde. Beim Bau der neuen Kirche wurden Teile der alten verwendet. Dieses Schnitzwerk ist einzigartig, und der Name Urnes-Stil bezieht sich heute auf alle Arbeiten des Mittelalters, in der man diese Art von ineinander ver\u00adschlungenem Getier und Gew\u00e4chs findet. Auf der linken Seite der Pforte steht ein Fabeltier, vielleicht einer der mythischen Hirsche, die der germanischen Sage nach in der Krone der Weltenesche Yggdrasil \u00e4sen. Er bei\u00dft einem Drachen oder einer gefl\u00fcgelten Schlange in den Hals und wird selber von ihr in den Hals gebissen. Schlangen fra\u00dfen an den Wurzeln des Weltenbaums. Versuchen Sie, der Figur der Schlange zu folgen, die sich in Ranken und anderem Getier zu verlieren scheint! Hier spreizt sich ein Fl\u00fcgel ab, w\u00e4hrend der K\u00f6rper sich um sich selbst windet,&#8230;..und der Schwanz \u00fcber dem Hals einer weiteren Schlange liegt. Diese bei\u00dft einer dritten Schlange in den Schwanz, die wiederum in eine jener Ranken verbissen ist, die sich bei n\u00e4herem Hinsehen auch als bissig erweisen. Die Schlangen des Baums Yggdrasil n\u00e4hren sich nicht nur von ihm, sie sind auch ein Teil von ihm, halb Schlangentier, halb Ranke.<\/p><p>Der Kampf eines h\u00f6chst eleganten, ebenfalls halb tierisch, halb pflanzlich wirkenden Fabelwesens gegen eine Welt von Schlangen, die miteinander selbst in unaufl\u00f6slichem Ringen verschlungen sind. Auch am Westgiebel dieselbe Szene, durch das Wetter von Jahrhunderten besch\u00e4digt, kaum noch zu erkennen und unter einer Verschalung verborgen: Was hat sie zu bedeuten, noch dazu an einer Kirche? Es ist wohl eine Darstellung von Ragnar\u00f6k, der germanischen Apokalypse. Wenn die Hirsche und Schlangen des Baums Yggdrasil gegeneinander zu k\u00e4mpfen beginnen, wird der Baum sterben, und die Welt wird untergehen.<\/p><p>Warum wurde die alte, so reich verzierte Urnes-Kirche abgerissen? Bauf\u00e4llig war sie wohl kaum und zu klein auch nicht. Vielleicht eben weil sie voller heidnischer Symbole war? An ihre Stelle wurde eine Basilika in Holz gesetzt, die r\u00f6mischste aller Stabkirchen. Wenn man aber die heidnische Vergangenheit lossein wollte, warum hat man dann Teile der alten Kirche wiederverwendet? Wollte man etwa den noch nicht ganz bekehrten Wikingern ein Zeichen geben, dass genau das geschehen sei, wovon ihre alte Sage k\u00fcndet? Die alte Welt wird untergehen und auf sie wird eine erneuerte, verj\u00fcngte Welt folgen. Die Sage wusste nicht, wie diese neue Welt aussehen w\u00fcrde, aber die Erbauer des Urneskirchleins glaubten, es zu wissen. Es war die Welt des Erl\u00f6sers.<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Altar der Stabkirche von Urnes steht ein Ker\u00adzenleuchter in Form eines Wikingerschiffs, eine mittel\u00adalterliche Eisenarbeit, nicht viel j\u00fcnger als die Kirche selbst. Gut [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.8.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Holz vom Baum Yggdrasil. 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