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Kommentartext "Ravenna. Am Ende der Antike"

von Andreas Christoph Schmidt

Als das Römische Reich die Welt beherrschte, gründete Kaiser Augustus an der italienischen Adria eine Stadt. Sie hieß einfach Classis, die Flotte. Augustus gründete sie der Pinienwälder wegen, deren Holz er für seine Schiffe brauchte. Vom antiken Classis ist nichts geblieben, aber eine Kirche steht hier, die etwa 500 Jahre nach Augustus gebaut wurde, eine mächtige Basilika, S. Appollinare in Classe. Wer sie betritt, macht einen Schritt in eine andere, fast vergessene Zeit. S. Appollinare liegt heute am Stadtrand von Ravenna, das es damals auch schon gab, als römisches oppidum.
Von Ravenna aus aber wurde einst das Abendland regiert.
Man sieht es der Stadt nicht an. Unter den italienischen Schönheiten ist sie eher ein Mauerblümchen. Sie lebt von der Industrie, weniger vom Tourismus. Im Krieg war Ravenna Ziel alliierter Luftangriffe, die auch einige der ältesten Kirchen trafen. S. Giovanni Evangelista, entstanden kurz nach 424, wurde wieder aufgebaut, aber so, daß sie in den Reiseführern heute meistens fehlt. Dante fand in Ravenna Zuflucht. Starb auch hier, 1321. Sein Grabmal, derzeit verborgen. Und hier hat Lord Byron gewohnt. Der große Dichter und Exzentriker. 1820-21. Mit seiner Geliebten, einer italienischen Gräfin. Byron ging nie an Dantes Grab vorüber, ohne tief den Hut zu ziehen. Von Ravenna zog es ihn nach Griechenland. Zu einem militärischen Kommando. Dort starb er auch, ein Dichter in Waffen.

Wie verzaubert stünden die uralten Kirchen der Gotenzeit in der doch eigentlich enttäuschenden Gegenwart Ravennas, schrieb der deutsche Italienreisende Ferdinand Gregorovius bereits in der Mitte des 19. Jh. Wenn man sie aber aufsuche, wehe einen die Vergangenheit mit großer Macht an. Die Krypta von S. Francesco steht seit Jahrhunderten unter Wasser. Dieser kleine Kreuzbau ist das Mausoleum der Römischen Kaiserin Galla Placidia. Sie liegt hier nicht, lag hier vielleicht nie; sie starb nach einem Leben voller Drangsal und Kümmernisse 450 in Rom. Wer in den drei Sarkophagen in den Kreuznischen bestattet wurde, weiß man nicht. Vielleicht ihr zweiter Mann, Honorius, wohl nicht ihr Sohn, Valerian III., der bald nach ihrem Tod ermordet wurde, vielleicht ihre Tochter Honoria, die sich mit dem Hunnen Attila verlobt hatte; Etzel in der Nibelungensage. Galla Placidia mag sich bei Lebzeiten an den Mosaiken ihres Grabs aufgerichtet haben. Der Hl. Laurentius, der so unbekümmert den Flammen entgegengeht. Diese Mosaiken gehören zu den ältesten Werken christlicher Kunst. Man steht gebannt unter ihnen und kann ihnen ihr Alter nicht glauben. Als Dante sie sah, waren sie bereits 900 Jahre alt. Als Lord Byron hier stand, fast 1400. Dies ist Jesus Christus. Der Gute Hirte. Die frühen Christen sahen ihn als einen lieblichen, bartlosen Jüngling. Er trägt die Toga eines römischen Konsuls. Galla Placidias Mausoleum steht wie ein Denkmal am Ende des Altertums. Nach ihm zieht bereits das Mittelalter herauf. Germanen werden Italien erobern. 493 fiel Ravenna an den Goten Theoderich. Er ließ wohl sogleich diese kleine Kirche bauen, die heute der rumänisch-orthodoxen Gemeinde Ravennas dient. Und nebenan die Taufkapelle der Arianer. Die Goten waren Arianer: Christen zwar, aber keine Katholiken. Ketzer. Jesus auch hier ein zarter, ja weichlicher Jüngling. Johannes der Täufer, der Hl. Geist als Taube, und jemand, der noch aus der antiken Götterwelt zuschaut: die Personifikation des Flusses Jordan, ein Wassergott mit einem Schilfrohr in der Hand und Krebsscheren auf dem Kopf.

Der Geist Theoderichs, Dietrich von Bern in der Sage, ist in Ravenna überall gegenwärtig. Früher galt dieses Gemäuer als ein Rest seines Palastes. 30 Jahre lang herrschte er über Italien. Der Kaiser in Byzanz duldete die Goten, solange er mußte. Nach Theoderichs Tod griff er an. Ganz in der Nähe des Palastes steht diese Kirche, unter Theoderich hieß sie Basilika unseres Herrn Jesus Christus, später und bis heute S. Appollinare Nuovo. Nicht nur das Gerüst der Restauratoren, auch einiges weitere steht dem Erlebnis dieser Basilika im Wege. Die Barockapsis zum Beispiel. Sie paßt so schlecht zu der alten Kirche, daß man gar nicht hinsehen möchte. Die Mosaiken von S. Appolinare Nuovo aber sind besonders prachtvoll. Und sie gewähren Einblick in das Dunkel der Geschichte.

Classis, die untergegangene Hafenstadt. Dies ist die älteste Darstellung einer konkreten Stadt, wenn man von den idealisierten Bildern Jerusalems und Bethlehems absieht. Als Ferdinand Gregorovius in Ravenna war, um 1850, wurden diese Mosaiken restauriert. Von einem römischen Restaurator mit dem Namen Kibel. Man weiß ihm heute wenig Dank für die Restauration, denn angeblich hat er in Classis nach eigenem Gusto hinzugebaut und sich auch sonst manche Freiheit genommen.

Der Zug der Jungfrauen und, auf der gegenüberliegenden Seite, der Zug der Märtyrer, sind jünger als die Kirche selbst, sie stammen aus der Zeit nach der Eroberung Ravennas durch den byzantinischen Feldherren Belisar im Jahre 540. Daher werden die Märtyrer von St. Martin angeführt , dem großen Ketzerbekämpfer. Ihm wurde damals die Kirche auch geweiht. Aus der Gotenzeit sind die Szenen aus dem Leben Jesu geblieben. Sie zeigen die typische Spontaneität und Lebensnähe der frühesten Mosaiken. Geblieben ist auch dieses Bild von Theoderichs Palast, auf der rechten Seite des Mittelschiffs, dem der Stadt Classis gegenüber. Er war nicht immer so leer. Ursprünglich standen Menschen unter den goldenen Bögen. Theoderich selbst wahrscheinlich und sein Hofstaat. Da! Eine Hand. Ein Arm! Der Schatten eines Menschen!... Wen man endgültig auslöschen will, dessen Bilder muß man beseitigen. Nach der Vernichtung der Goten in der mythischen Schlacht am Vesuv wurden auch die Bilder der Goten vernichtet, und wir haben heute keine Vorstellung, wie Theoderich der Große aussah. Dies ist nicht etwa Theoderich, sondern der Kaiser von Byzanz, Justinian I., dessen Feldherren Belisar und Narses die Goten vernichteten. Justinian hat Ravenna nie gesehen, aber hier ist sein Bild erhalten. Wir sind in San Vitale, keine Basilika, sondern ein Zentralbau, der bedeutendste wohl in Italien, begonnen noch zur Zeit der Goten, aber wahrscheinlich mit byzantinischem Geld, fertiggestellt und ausgeschmückt nach der Einnahme der Stadt.

Gegenüber aber, an der anderen Wand der Apsis, des Kaisers Kaiserin, Theodora. Sie hat einen sehr schlechten Ruf – eine öffentliche Dirne sei sie gewesen, ehe sie dem Kaiser ins Auge stach. Aber hier in S. Vitale trägt sie einen Heiligenschein.

Die Kirchen Ravennas, auch das Mausoleum der Galla Placidia und die Baptisterien, sind aus Ziegeln erbaut. Das Grab Theoderichs jedoch, draußen vor der Stadt, damals direkt am Meeresufer, ganz aus istrischem Kalkstein. Als wollte er noch einmal sagen: Ich bin keiner von euch. Seine Kuppel von 11m Durchmesser ist aus einem einzigen Stein gehauen. Es ist das Grabmal eines Germanen, aber eines, der lange durch die römische Schule gegangen ist. Der Zangenfries, die Dachhenkel, der Umgang – alles hat zu denken und zu deuten gegeben. Herausgekommen sind Vermutungen, Hypothesen, kühner, ja manchmal bezaubernder Einfall. Nicht zum Anheben des Dachs seien die zwölf Kragsteine da – sie versinnbildlichten die Stangen der gotischen Kriegszelte. Und der umlaufende, runenähnliche Zangenfries – das seien Klammern, wie sie an den Zelten verwendet wurden. Oder aber: Ist dieser Dachmonolith des Goten nicht einfach ein barbarischer Helm?

Unser Unwissen zeigt, aus welcher Ferne dieses und die anderen Denkmäler Ravennas kommen. Es sind nicht die 1500 Jahre allein. Es ist die Entrücktheit dieser seltsamen Zwischenzeit zwischen Römischem Imperium und christlichem Mittelalter. Wir wissen wenig, und was wüßten wir, hätten die Denkmäler Ravennas nicht – eigentlich ein Wunder – die Zeit überdauert.

War diese Porphyrwanne der Sarkophag Theoderichs? Porphyr war den Kaisern vorbehalten. Theoderich aber war ein geläuterter Barbar. Seine Gebeine wurden bald nach seinem Tod verstreut. Seine Tochter übernahm die Regentschaft und wurde ermordet, sein Volk geschlagen, vertrieben und vernichtet. Auf ihre Weise hält die Sage das Schicksal Theoderichs und der Goten besser fest, als die Wissenschaft es könnte: Eines Tages meldeten Dietrichs Jäger, im Wald sei ein mächtiger Hirsch gesehen worden. Dietrich sprang auf und rief nach seinem Pferd, da bemerkte er einen gesattelten Rappen. Er bestieg das Tier und sprengte davon. Vergeblich setzten die Diener ihm nach – einer rief: „Herr, wohin reitest Du?“ - „Zu Wotan,“ klang es aus dem Wald zurück – der König hatte gemerkt, daß es kein Pferd war, das er ritt. Er verschwand und ward nie mehr gesehen.