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Kommentartext "Die Stabkirche von Urnes, Norwegen"

von Andreas Christoph Schmidt

Auf dem Altar der Stabkirche von Urnes steht ein Ker­zenleuchter in Form eines Wikingerschiffs, eine mittel­alterliche Eisenarbeit, nicht viel jünger als die Kirche selbst. Gut achthundert Jahre steht er da und hätte doch jeden Tag gestohlen werden können. Da er nicht gestohlen wurde, ist er heute eins der schönsten Zeug­nisse für das Land der Fjorde, in dem es bis vor weni­gen Jahren keine Diebe gab. Daß er nicht gestohlen wurde, ist das eine. Wenn man aber ein wenig vor ihm verweilt, kommt man leicht auf die ursprüngli­che Bedeutung des Kerzenleuchters. In ruhiger Betrachtung verweilen, das ist die Methode, mit der man Schritt um Schritt das Herz einer Stabkirche gewinnt - und das eigene an sie verliert.

Neun Kerzen auf einem Boot, das bedeutet: das Licht des Christentums ist mit einem Boot nach Norwegen ge­kommen. Mit dem Boot, aha! Keine große Überraschung. In Norwegen kommt alles mit dem Boot. Die Waren, die Menschen, die Kriege, der Dieb, der eines Tages doch den Kerzenleuchter stehlen wird - alles Schiffsfracht.

Wie ein emsiges Bienchen fährt die kleine Fähre hin und her, im Herbst, Winter und Frühling bringt sie die Schulkinder heim, im Sommer dann ist sie voller Touristen, die Norwegens älteste Stabkirche sehen wollen. Mit dem Schiff, das die Botschaft Christi nach Norwegen brachte, hat es aber doch eine besondere Bewandtnis: Nicht Missionare waren an Bord, sondern grausame Räuber. Das Boot ist ein Wikingerschiff. 793 waren die Wikinger in die Geschichte eingetreten, als sie die englische Mönchsinsel Lindisfarne überfielen, die Heilige Insel, das Kloster ausraubten und die Mönche ermordeten. Sie kehrten heim in ihre Fjorde mit Beute, mit Blut an den Händen und mit einem ersten Zweifel, ob ihr Tun richtig sei. Ihnen ging ein Licht auf - das symbolisiert der Kerzenleuchter von Urnes.

Das norwegische Christentum ist urtümlich oder doch immerhin ein Eigenimport. Kein Kreuzfahrerheer, kein Ritterorden, keine Missionare in Waffen - aber dennoch wurde Norwegen mit dem Schwert christianisiert. Denn hier wie anderswo war der christliche Glaube eine der Staatsbildung nützliche Ideologie: Ein Gott - ein König - ein Reich.

Ein schwer zu bezwingendes Reich aber. Der Sognefjord, an dessen Nebenarm Urnes liegt, durchschneidet mit seinen Verästelungen das Land mehr als 200 Kilometer tief. Wer an der vielgestaltigen Götterwelt der Germanen festhalten wollte, fand hier so manche entlegene Bucht. Dörfer und Sippschaften mußten mit Gewalt bekehrt und gezwungen werden, Kirchen zu bauen. Taten sie es nicht, kam der Krieg.

Auch das Kirchlein in Urnes ist wohl so entstanden, d.h. seine Vorläuferin. Hunderte von Kirchen wurden gebaut und Hun­derte haben das Mittelalter überdauert. Auf je 500 Einwohner des dünn besiedelten Landes kam eine Kirche. Erst in der Neuzeit begannen sie zu verschwinden, und heute gibt es noch knapp 30.

Was ist eine Stabkirche? Im Unterschied zum Blockbau, der erst später aufkam, stehen die Wandplanken beim Stabbau senkrecht, und das Dach wird von Säulen oder Pfosten getragen. In ältester Zeit wurden Planken und Pfosten in die Erde eingegraben; so war das Gebäude stabil, aber auch der Bodenfeuchtigkeit ausgesetzt. Das konnte zwei- oder dreihundert Jahre halten, nicht aber ein Jahrtausend. Unter dem Kirchlein hat man die Pfostenlöcher von mindestens einer Vorgängerkirche gefunden. Der heutige Bau stammt wohl aus der Zeit um 1130. Er ist die älteste erhaltene Holzkirche der Welt, aber eigentlich entspricht sie nicht ganz unserer Vorstellung von einer Stabkirche: keine Drachenköpfe auf den Dächern. Technisch gesehen, gehört sie zu den vollendeten Stabbauten: ein Rahmengefüge, durch Steinfundamente vom feuchten Boden isoliert. Die Grundschwellen, auf denen die ganze Kirche aufbaut, ragen auf allen Seiten unter den großen Wandschwellen hervor. Diese werden an den Ecken von Säulensockeln umfasst und fest zusammengehalten. Alles greift ineinander, die Kirche ist wie ein Schiff in sich selbst stabil.

Wieder und wieder werden die Stabkirchen mit Birkenteer gestrichen, der ihr Holz wasserabweisend macht. Besonders an der Nordseite, wo es wenig Sonne gibt, sind sie daher oft schwarz und schuppig. Stabkirchen riechen nicht nach Weihrauch, sondern nach Holz und Birkenteer. Die bei einer Stabkirche wohnen, kennen den Geruch seit ihrer Taufe.

Hier sieht man, wie die Säulen, die das Mittelschiff tragen, auf den Grundschwellen stehen. Seit bald 900 Jahren. Wie viele Generationen von Menschen sind über diese Schwellen hinweggegangen, haben das Holz dieser Säulen mit den Händen berührt!

Die Säulenkapitelle sind in Urnes denen romanischer Steinkirchen nachempfunden. Das ist eine Besonderheit des Urneskirchleins, dessen Vorbilder in Rom oder Ravenna stehen, in Avignon oder Aachen. Solche Würfelkapitelle sind an hölzernen Säulen ei­gentlich Fremdkörper. Da sie größer sind als das zur Verfügung stehende Bauholz, wurden die Ecken mit Holznägeln angesetzt. Die Schnitzerei geht vielleicht auf die Buchkunst der frühen irisch-schottischen Mönche zurück, eben jener, die so oft Opfer von Wikinger-Überfällen waren.

Auffällig unter den rätselhaften Symbolen: die Figur eines Bischofs. Wer er auch war, als Bischof war er ein Mann Roms, berufen durch den Papst. Als hätten die Erbauer der Kirche ein Zeichen für Rom setzen wollen in ihrer noch halb heidnischen Welt. Aber wo es dunkel war, kam das Alte immer wieder durch. Mittelalterliche Graffiti an den Innenwänden zeigen, wie sehr die Gläubigen immer noch der heidnischen Bilderwelt zugewandt waren. Endgültig herausgetreten aus ihrem vorchristlichen Dunkel seien die Norweger erst mit der Reformation, meinen viele. Also seit 1537.
Licht! riefen aufgeklärte Pastoren und ließen möglichst große Fenster in die Kirchenwände sägen.

Urnes hatte mehr Veränderungen hinzunehmen als die meisten anderen Kirchen. Bänke wurden eingebaut und eine Kanzel, von der mahnende und erbauliche Worte kamen. Früher war man dem Gottesdienst stehend gefolgt, im Halbdunkel oder Kerzenschein, einem Ritual, dessen Sinn man nicht bis ins letzte begriff. Der moderne Mensch aber, der nun eingezogen war, ging mit dem Verstand zu Werke. Als der Marienaltar auf der linken Seite des Kirchenschiffs abgerissen wurde (für die Reformatoren auch so ein Relikt aus finstrer Zeit, abergläubischer Jungfernkult) übersah man, daß er tragende Funktion hatte, und die ganze Kirche neigte sich zur Seite. Eilig schlug man Verstrebungen quer durchs Kirchenschiff, und noch dabei richtete man Schaden an.

Was das Kirchlein von Urnes vor allem auszeichnet, sind ein Portal und einige Wandplanken jener Kirche, die vor ihr hier stand. Sie war gerade mal hundert Jahre älter, und man weiß nicht, warum sie abgerissen wurde. Beim Bau der neuen Kirche wurden Teile der alten verwendet. Dieses Schnitzwerk ist einzigartig, und der Name Urnes-Stil bezieht sich heute auf alle Arbeiten des Mittelalters, in der man diese Art von ineinander ver­schlungenem Getier und Gewächs findet. Auf der linken Seite der Pforte steht ein Fabeltier, vielleicht einer der mythischen Hirsche, die der germanischen Sage nach in der Krone der Weltenesche Yggdrasil äsen. Er beißt einem Drachen oder einer geflügelten Schlange in den Hals und wird selber von ihr in den Hals gebissen. Schlangen fraßen an den Wurzeln des Weltenbaums. Versuchen Sie, der Figur der Schlange zu folgen, die sich in Ranken und anderem Getier zu verlieren scheint! Hier spreizt sich ein Flügel ab, während der Körper sich um sich selbst windet,.....und der Schwanz über dem Hals einer weiteren Schlange liegt. Diese beißt einer dritten Schlange in den Schwanz, die wiederum in eine jener Ranken verbissen ist, die sich bei näherem Hinsehen auch als bissig erweisen. Die Schlangen des Baums Yggdrasil nähren sich nicht nur von ihm, sie sind auch ein Teil von ihm, halb Schlangentier, halb Ranke.

Der Kampf eines höchst eleganten, ebenfalls halb tierisch, halb pflanzlich wirkenden Fabelwesens gegen eine Welt von Schlangen, die miteinander selbst in unauflöslichem Ringen verschlungen sind. Auch am Westgiebel dieselbe Szene, durch das Wetter von Jahrhunderten beschädigt, kaum noch zu erkennen und unter einer Verschalung verborgen: Was hat sie zu bedeuten, noch dazu an einer Kirche? Es ist wohl eine Darstellung von Ragnarök, der germanischen Apokalypse. Wenn die Hirsche und Schlangen des Baums Yggdrasil gegeneinander zu kämpfen beginnen, wird der Baum sterben, und die Welt wird untergehen.

Warum wurde die alte, so reich verzierte Urnes-Kirche abgerissen? Baufällig war sie wohl kaum und zu klein auch nicht. Vielleicht eben weil sie voller heidnischer Symbole war? An ihre Stelle wurde eine Basilika in Holz gesetzt, die römischste aller Stabkirchen. Wenn man aber die heidnische Vergangenheit lossein wollte, warum hat man dann Teile der alten Kirche wiederverwendet? Wollte man etwa den noch nicht ganz bekehrten Wikingern ein Zeichen geben, dass genau das geschehen sei, wovon ihre alte Sage kündet? Die alte Welt wird untergehen und auf sie wird eine erneuerte, verjüngte Welt folgen. Die Sage wusste nicht, wie diese neue Welt aussehen würde, aber die Erbauer des Urneskirchleins glaubten, es zu wissen. Es war die Welt des Erlösers.