Schmidt & Paetzel Fernsehfilme
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Kommentartext "Tolstoi mit den Augen des Films"

ARTE-Fassung, 52min

von Artem Demenok

 

 

00:12

Dieser Film handelt von einer Begegnung. Von der der jungen, eben erst geborenen Filmkunst. Und des großen alten Dichters Leo Tolstoi. Sie hatten miteinander zu tun, und ihre Begegnung war fruchtbar. Für den Film sowieso, aber auch für den Dichter.

 

01:17

Brüchig geworden, geschrumpft und nicht mehr vorführbar. Dokumentaraufnahmen von Leo Tolstoi. So kamen sie Ende der 50er Jahre vom Tolstoi-Museum in Moskau in das Filmarchiv Gosfilmofond. Und wurden dort Bild für Bild per Hand repariert, gereinigt, umkopiert - gesichert. Kostbares Kulturerbe.

 

01:47

Die ersten Filmaufnahmen entstanden am 27. und 28. August 1908 auf dem Landgut Jasnaja Poljana – anlässlich des 80. Geburtstags des Dichters. Alexandra, seine jüngste Tochter, bringt den Bauernkindern Pralinen.

 

02:10

Die Apfelernte auf dem Gutshof.

 

02:16

Sofja Andrejewna, die Gattin, pflückt Blumen und macht so ihre erste Erfahrung mit der „lebenden Photographie“. Der Kameramann anscheinend auch.

 

02:31

„Mein Vater zog eine Grimasse des Schmerzes, als die Mutter ihn bat, die Filmaufnahmen zu gestatten. Aber die Filmoperateure schworen, sie würden ihn nicht stören und ihn nicht bitten zu posieren“, erinnert sich die Tochter Alexandra. Ihr Hund Marquis.

 

02:53

„An Ihre Exzellenz die Gräfin Sofja Andrejewna Tolstoi.“

 

02:58

„Mit dem Gefühl der tiefsten Verehrung bedanke ich mich bei dem Grafen Lew Nikolajewitsch für seine freundliche Dreherlaubnis und bei Ihnen für Ihre Unterstützung, die Sie mir mit Ihrer gewohnten Güte gewährt haben. Ich werde von der großen Nachfrage nach dem Film über den Grafen Lew Nikolajewitsch im Kreise seiner Familie buchstäblich überflutet... Und ich wäre glücklich, Ihnen den Streifen vorführen zu dürfen. Ihr treuer Diener Alexander Drankow.“ Noch hat er keine Schreibmaschine, aber immerhin einen Schreiber.

 

03:31

Viel war von Tolstoi in diesem ersten Film nicht zu sehen. Trotzdem wurden rund 100 Kopien verkauft. Drankow – Filmpaparazzo der ersten Stunde – verdiente daran 5000 Rubel. Ein glattes Geschäft.

 

03:52 O-Ton Lew Anninski

Sofja Andrejewna half Drankow sehr. Sie war sich mehr darüber im Klaren als Lew Nikolajewitsch, dass es wichtig ist, ihn für die Ewigkeit im Film festzuhalten. Das begriff sie sehr gut. Und arrangierte für Drankow diese Filmaufnahmen… Eigentlich war es so: Lew Nikolajewitsch wurde überhaupt nicht eingeweiht. Sofja Andrejewna verschaffte Drankow die Möglichkeit, sich auf diesen Balkon vorzumogeln. So lieferte er 1908 die allerersten Dokumentaraufnahmen von Tolstoi. Das war unglaublich schwierig, dabei hat er nichts unversucht gelassen. Und überhaupt… Was hat er nur alles gedreht… „Trinkgelage auf der Wolga“ stammt doch auch von ihm.

 

04:37

„Trinkgelage auf der Wolga“, das ist „Stenka Rasin“, der erste russische Spielfilm. Er kam am 15. Oktober 1908 in die Kinos und wurde ein Kassenschlager. Eine Produktion der „ersten Fabrik in Russland für lebende, singende und sprechende Fotographie von Alexander Drankow“.

Ein „Blockbuster“ über den rebellischen Kosakenataman aus dem 17. Jahrhundert. Über seine Liebe zur einer persischen Fürstin und über die Verschwörung seiner eifersüchtigen Männer, die mit dem Tod der Fürstin in der Wolga endet.

Gedreht an einem einzigen Spätsommertag an einem See bei Sankt Petersburg. Mit der Schauspieltruppe des Petersburger Volkshauses.

 

05:32

Der Darsteller von Stenka Rasin sollte später zum Hauptregisseur der Drankowschen Filmfabrik aufsteigen.

„Mit enormen Geldmitteln und einer Menge Mühe und Zeit habe ich alle Anstrengungen unternommen, damit dieser Film technisch und darstellerisch ein hohes Niveau erreicht“, so pries der Produzent sich selbst.

 

06:00

Der Filmpionier Alexander Drankow wies dem russischen Kino den Weg. In Richtung populärer nationaler Sujets. Von nun an wird der russische Film die Nähe der Literatur suchen. Auch der von Leo Tolstoi.

 

06:21 O-Ton Lew Anninski

Als Filmreporter ruft Drankow bei mir Dankbarkeit und Achtung hervor, zumal er ja ein schweres Schicksal hatte, er musste nach der Oktoberrevolution 1920 emigrieren. Ich würde sagen, er ist eine rührende Figur.

 

06:40

Bleiben wir noch ein bisschen an der Wolga. „Fischkonservenfabrik in Astrachan“ von 1908. Ein Juwel aus der Frühzeit des Films. Produziert von der französischen Firma Pathé Frères für die Filmreihe „Malerisches Russland“. Mit ihren sechs Filialen beherrschte Pathé damals den russischen Filmmarkt zu fast 75 Prozent. Eine übermächtige Konkurrenz für Drankow. Da der russische Zuschauer nach russischen Themen verlangte, gab auch Pathé diesem Verlangen nach. Die Arbeit wie sie ist. Das Leben wie es ist – „Cinéma vérité“.

 

07:43

Der Kameramann ist 22 Jahre alt. Georges Meyer, von der Moskauer Vertretung der Pathé. Eigentlich heißt er Joseph-Louis Mundviller, ein Elsässer. Als Deutscher kam er 1907 nach Russland und begründete die russische Schule der Filmoperateure. Als Deutscher wird er 1914 mit Beginn des Ersten Weltkriegs des Landes verwiesen. Wir haben Fotos von ihm gefunden.

 

08:09

„Pathé sagte mir, man müsse Tolstoi drehen. Koste es, was es wolle; Amerika sei daran sehr interessiert“, erinnert sich Meyer-Mundviller.

 

08:24

3. September 1909. Tolstoi verlässt Jasnaja Poljana. In Begleitung seiner Frau Sofja Andrejewna. Eine günstige Gelegenheit, ihn, den filmscheuen Dichter, mit der Kamera zu erwischen. Darauf hat Georges Meyer schon lange gewartet.

 

8:44

Nachdem diese Einstellung im Kasten ist, muss das Team in Windeseile zur Bahnstation Schtschekino, um auch die Ankunft der Kutsche zu filmen. Von hier aus fährt Tolstoi über Moskau zu seinem Verleger und engsten Vertrauten Tschertkow.

 

09:20

„Die Filmoperateure erschienen trotz Absage. Ich ließ sie gewähren, aber ohne meine Beteiligung“, schreibt Tolstoi in sein Tagebuch.

 

09:37

Ein Gendarm verbietet das Filmen auf dem Bahnsteig. Meyer versucht ihn zu bestechen. Vergeblich. Zum Glück hat der Zug über eine Stunde Verspätung, die Meyer nutzen kann. Er schickt ein Telegramm an den Chef der Gendarmerie in Tu­la. Der erteilt am Telefon die Erlaubnis – un­ter der Bedingung, dass ihm jedes Bild für eine Sichtung vorgelegt wird. Meyer willigt ein. Er hat keine Zeit zu erklären, dass man das Ne­gativ vor der Entwicklung nicht einsehen kann. Meyer kommt nach Tula – mit dem gleichen Zug wie Tolstoi. Und er wird den Gendarmen-Oberst überzeugen, auf eine Sichtung zu verzichten. Jetzt hat Pathé die besten Filmaufnahmen von Tolstoi.

 

10:37 O-Ton Lew Anninski

Tolstoi war die wichtigste Figur der russischen Kultur, und der Film ihm gegenüber nur ein Kleinkind, das aber laut schreien konnte und so deutlich seine Zukunft spürte, an die keiner glaubte außer ihm selbst. Natürlich hatte die Begegnung Tolstois mit dem Film eine große Bedeutung, die aber erst später zum Vorschein kam. Der Film entwickelte sich allmählich zur wichtigsten Kunstgattung. Und dann stellte sich heraus, dass das ganze Jahrhundert das Jahrhundert des Films werden sollte. Und erst jetzt wird der Film wiederum verdrängt – durch das Internet, das Fernsehen und so weiter. Aber für ein ganzes Jahrhundert hat es ausgereicht: Hundert Jahre Film und hundert Jahre ohne Tolstoi. Und sie haben es noch geschafft, einander zu begegnen.

 

11:43 O-Ton Dialog im Film

„Lew Nikolajewitsch, das habe ich nicht erwartet.“

„Guten Tag, Anton Pawlowitsch. Warum haben Sie das nicht erwartet? Was ist besonderes daran? Ich bin spazieren gegangen und vorbeigekommen. Das Wetter ist gut. Der Frühling ist schon im vollen Gange. Wie geht es Ihnen? Setzten Sie sich. Wie fühlen Sie sich? Haben Sie Fieber?“

 

12:06

28. März 1897. Tolstoi besucht in Moskau den kranken Tschechow. Statt 15 Minuten bleibt er anderthalb Stunden. Worüber sprachen sie? Die Begegnung zweier Genies in einem Spielfilm, an dem Regie-Altmeister Marlen Chuziew arbeitet. Bilder aus dem Rohschnitt.

 

12:31 O-Ton Dialog im Film

Ist es nicht feucht hier? Das ist doch nicht gut für Sie.“

„Nein, nicht kalt. Manchmal fröstle ich nur ein wenig. Dann ist es kalt.“

„Warm. Das ist gut. Und mir ist es kalt. Aber das ist etwas anderes. Das ist das Alter.“

 

12:56 O-Ton Marlen Chuziew

Ich wollte Tolstoi und Tschechow sozusagen auferwecken, damit der Zuschauer sie sieht und an sie glauben kann. Denn es gibt ja Fotos von ihnen – oder Filmaufnahmen. Zunächst habe ich natürlich einige Proben mit Schauspielern gemacht, die meiner Meinung nach in Frage für die Rollen kamen. Aber das waren schon sehr bekannte Gesichter. Ich werde sie jetzt nicht nennen. Auf jeden Fall wären das nicht Tschechow oder Tolstoi gewesen, sondern in erster Linie die bekannten Schauspieler in ihren Rollen… Und eines Tages läuft im Fernsehen (ich glaube, das war der Sender „Kultura“) eine Reportage über einen Mann, dessen Gesicht ich nicht kannte, dessen Namen ich zunächst überhörte, und als er dann wiederholt wurde, sagte er mir nichts, dieser Name – ein Schauspieler aus dem Theater in Kaluga. Ich schaue mir die Sendung an, und er wirkt auf mich sehr überzeugend – mit seiner Stimme, mit seinem Gesicht… Da war etwas Lebendiges. Und mein Sohn und ich haben uns angeschaut und gedacht: man müsste ihn zur Probe einladen.

 

14:33

Das Theater in Kaluga, 190 km südwestlich von Moskau. Hier treffen wir den Tolstoi-Darsteller.

 

14:43 O-Ton Michail Pachomenko

Bei den Proben war es schwieriger als bei den Dreharbeiten. Als ich dann das Kostüm anhatte, habe ich kaum nachgedacht. Es gibt doch so etwas wie eine Intuition des Schauspielers, verstehst du? Und – Verwandlung… Sich einfühlen… Und Chuziew warf mir manchmal eine Anweisung zu, die ich nur aufnehmen musste…

Sie waren mit ihm auf einer Wellenlänge?

Ja, ich mag Marlen Martynowitsch sehr.

 

16:00

Sieht aus wie Karl Marx, ist aber Leo Tolstoi – im Kreise seiner Leser. Das heißt, ein Schauspieler, der ihn spielt. In der Verfilmung der „Kreutzersonate“ von 1914. Schon vor der Oktoberrevolution gab es in Russland 26 Verfilmungen seiner Werke. Leo Tolstoi als wichtigste Quelle und Identifikationsfigur für das Kino im Zarenreich.

 

16:42

„Der Weggang des großen Alten“, ein Film über die letzten Tage aus dem Leben des Dichters, wurde bereits 1912 gedreht. Zu seinem 2. Todestag. Tolstoi zwischen Sofja Andrejewna und ihrem Konkurrenten Tschertkow. Sie streiten sich um die Rechte an seinen Werken. Kein Wunder, dass beide alles daran setzten, diesen Film verbieten zu lassen. Er lief nur im Ausland. Der Schauspieler Wladimir Schaternikow, der hier Tolstoi spielt, fiel 1914 im Krieg.

 

17:28

Der echte Tolstoi. Nun ist Drankow wieder dran. Er macht diese Aufnahmen am 17. September 1909 in Krjokschino, bei Moskau. Auf dem Gutshof von Tschertkow, dem Obertolstojaner.

„Munter aufgestanden. Traf den Photographen und den Filmoperateur… Sprach mit Tschertkow über die Absicht der Kinder, sich die Werke anzueignen, die doch allen gehören. Will das nicht glauben“.

 

18:00

Der englische Fotograf Thomas Tapsell. Er hat Tolstoi auch gefilmt. Für Edison. Sein Filmmaterial ist verloren gegangen.

 

18:20

18. September 1909. Abfahrt nach Moskau. Demonstrativ, mit ihrem Gatten Arm in Arm, tritt Sofja Andrejewna den Gerüchten über die Konflikte in der Familie entgegen. Vor der Filmkamera von Drankow. Gar keine schlechte Idee. Doch das Bild ist trügerisch: Tolstoi hat bereits den Entschluss gefasst, alle Manuskripte Tschertkow zu überlassen. Der soll sich um ihre Veröffentlichung kümmern. Das wird er am 1. November 1909 testamentarisch bestimmen.

 

19:15

Wladimir Tschertkow – der bullige Mann mit weißem Hut – drängt sich in den Vordergrund. Der Gegner von Sofja Andrejewna. Sie kann man verstehen: Tolstois Bücher sichern der Familie das Einkommen.

 

19:29

Ankunft in Moskau. Als der Film Ende November auf die Leinwand kommt, schreibt der Schriftsteller Skitalez: „In dem kleinen Saal waren etwa 100 Zuschauer – es war fast dunkel, aber man spürte deutlich, dass alle zufällig versammelten Leute von dem Geschenk des Kinematographen erfreut und beglückt wurden. Sie haben Tostoi gesehen – es geschah mit ihnen etwas Erhebendes.“

 

20:02

Aus dem Tagebuch von Tolstoi: „18. September. Verfolgt von Filmoperateur und Photographen. In Moskau erkannt und begrüßt – angenehm und unangenehm, weil das ein schlechtes Selbstwertgefühl erweckt… Bin in den Kinematographen gegangen. Sehr schlecht.“

Der erste Besuch im Kino. Erledigt mit zwei Worten.

 

20:27

O-Ton Lew Anninski

Tolstoi hat damals zwei oder drei Filme gesehen, die man lieber nicht gesehen hätte. Und außerdem haben ihn die Kameraleute belästigt und müde gemacht. Die hat er zugenüge gesehen. Er hat gespürt, dass da etwas Interessantes vor sich geht, aber es ist zweifelhaft, dass er im Film damals das Künstlerische gespürt hat.

 

20:44

24. September 1909. „Es wurde abends der Kinematograph gezeigt, und es kam das ganze Dorf“, schreibt Sofja Andrejewna in das Tagebuch.

Einige Filme aus diesem Programm von Pathé haben wir gefunden. „Delhi, die größte Stadt in Vorderindien“. Für Indien und seine Kultur hat sich Tolstoi sehr interessiert.

An diesem Tag kam ein Brief von Gandhi: „Ich hatte Glück, Ihre Schriften zu studieren, die einen tiefen Eindruck auf meine Weltanschauung gemacht haben.“

 

21:41

„Die Vorführung fand vor dem Haus statt. Wir hatten eine Leinwand aufgespannt und einen Filmprojektor aufgestellt. Es wurden die Bauern eingeladen. Auch die Tochter Alexandra war anwesend. Tolstoi saß auf dem Stuhl mittendrin“, erzählte später Mundviller alias Georges Meyer. Eigentlich war sein Auftrag, Tolstoi ein weiteres Mal zu filmen.

 

Der Reporter der Zeitschrift „Cine-Phono“ lauscht jedem Wort des Dichters: „Das ist doch wunderbar, das ist eine große Sache, man muss sie für die Schule verwenden. Das ist eine lehrreiche und vernünftige Schau – sie hat einen kolossalen Wert als Lehrmaßnahme…“

„Tabakanbau und Industrie auf den malaiischen Inseln“. Film als Fenster zur großen weiten Welt. Jetzt fängt Tolstoi Feuer für das Kino. Aber nur für den Dokumentarfilm. Spielfilme lehnt er ab. Das ist nichts für die Bauern, meint er.

 

23:24

„Moskau, 30. September 1909. Madame, ich möchte meinem Dank Ausdruck verleihen für den günstigen Empfang, den mein Filmoperateur von Ihnen erfahren hat. Ich bedauere es zutiefst, dass Herr Graf uns nicht die hohe Ehre vergönnt hat, ihn in manchen Augenblicken seines Privatlebens filmen zu dürfen.

Glauben Sie mir, Frau Gräfin, wenn ich mir erlaubt habe, Herrn Grafen in seiner Abgeschiedenheit zu stören, so nur deswegen, weil die Jugend auf der ganzen Welt uns dazu drängt, so einen großen Schriftsteller wie Herrn Grafen in lebendigen Bildern zu zeigen.

Gleichermaßen erreichen uns täglich Briefe von Menschen aus ganz Russland, die denselben Wunsch zum Ausdruck bringen. (…) Aus allen diesen Gründen, Frau Gräfin, erlaube ich mir, Sie mit der Bitte zu belästigen, Herrn Grafen dazu zu bewegen. (…)

Ich erlaube mir außerdem, Sie daran zu erinnern, dass wir immer vollkommen zu Ihrer Disposition stehen, sollten Sie den Wunsch haben, bei Ihnen Filmvorführungen zu veranstalten“, schreibt der Direktor der Pathé-Filiale Moskau Maurice Hache.

 

24:36

Auch Drankow lässt nicht locker.

„2. Dezember 1909. Sehr geehrte Sofja Andrejewna, der Maler Parchomenko hat mir heute berichtet, dass Sie mir erlauben Ihnen den Film vorzuführen, in dem Lew Nikolajewitsch während seiner Moskau-Reise gezeigt wird. Dieser Film ist wunderschön geworden und er gibt alle Reisestationen sehr lebendig wieder. Ich wäre glücklich diesen Film in Jasnaja Poljana persönlich vorführen zu dürfen. Mit vollkommener Hochachtung, Alexander Drankow.“

 

25:12

Am 6. Januar 1910 ist Drankow in Jasnaja Poljana. Sein Bruder dreht, wie er Tolstoi dreht. „Der ganze Tag ist heute dem Kinematographen gewidmet“, schreibt Sofja Andrejewna in ihr Tagebuch.

 

25:35

„Lew Nikolajewitsch wurde heute zu Pferde für den Kinematographen aufgenommen. Und es wurden abends kinematographische Bilder gezeigt“, notiert Tolstois Arzt Duschan Makowizki. Er begleitet Tolstoi bei diesem Ausritt.

 

26:03

Aus dem Tagebuch von Tolstoi: „6. Januar. Der Kinematograph ist da. Man muss überhaupt aufhören sowohl zu schreiben als auch sich um das Geschriebene zu kümmern. (…) Nichts aufgeschrieben. Genauso und noch mehr als gestern peinlich und traurig. Ich ritt mit Duschan. Abends der langweilige Kinematograph.“

„7. Januar. Der seelische Zustand etwas besser. Es gibt keine hilflose Sehnsucht, es gibt nur eine unaufhörliche Scham vor dem Volk… Werde ich das Leben so beenden in diesem beschämenden Zustand? (…) Spät aufgestanden. Ging den Schlitten aus Koslowka entgegen. Die Filmoperateure haben gekurbelt. Das ist nicht schlecht. Es kamen Bettler und Bittsteller… Hatte eine gute Unterredung mit einem erbärmlichen zerlumpten Jungen aus Pirogowo… Und wieder der Kinematograph. Langweilig. Mich überkam die Schwäche, es ist Zeit für Ruhe.“

 

27:09

Die ersten Eintragungen im Tagebuch aus dem Jahr 1910 wirken alle bedrückt und niedergeschlagen. Die Kamera kriegt das nicht mit. Oder vielleicht doch?

 

27:51

Die Filmvorführungen werden im weiträumigen Speisezimmer veranstaltet. „Es kamen etwa 20-30 Kinder und genauso viele Erwachsene“, so der Arzt Makowizki.

 

Zunächst läuft der Film „Tolstoi in Moskau“.

 

28:16

Tolstois Enkel zeigen mit den Fingern auf die Leinwand und schreien: „Das hier ist der Opa. Das hier ist die Oma“.

Die Oma ist begeistert. Der Opa wird nachdenklich: „Ach, wenn ich jetzt den Vater und die Mutter so sehen könnte wie ich mich selbst sehe!“ Auf seinen Wunsch werden diese Aufnahmen zweimal gezeigt.

„Drankow hat mir den ganzen Film geschenkt“, schreibt Sofja Andrejewna in ihr Tagebuch.

 

28:54

5 000 Menschen kamen damals wegen Tolstoi zum Kursker Bahnhof in Moskau. Wenn es am Anfang des 20. Jahrhunderts schon Stars gab, dann war er einer.

 

29:21

„Haben Sie Bilder aus dem Bauernleben?“ fragt Tolstoi Drankow. Das nun nicht gerade. Aber es gibt den Film „Im Zoologischen Garten von London“ der Firma Pathé. Und er kommt sehr gut an.

 

29:43

Aber Tolstoi ist in Gedanken bei seinen Bauern: „In Russland muss der Kinematograph ausschließlich das russische Leben festhalten in seinen mannigfaltigen Erscheinungen so wie es ist – man darf nicht erfundenen Sujets nachlaufen.“

 

30:04

Lew Nikolajewitsch äußerte den Wunsch, so berichtet der Re­porter der Zeitschrift „Cine-Phono“, russische Schriftsteller und Persönlichkeiten des öffentli­chen Lebens auf der Leinwand zu sehen. Als er erfuhr, dass es einen Film über Leonid Andrejew gab, sagte er: „Zeigen Sie mir ihn bitte!“

Seinen Streifen „Leonid Andrejew auf der Datscha in Finnland“ hat Drankow im Gepäck. Andrejew ist damals der einzige russische Schriftsteller, der sich für das Medium Film begeistert. „Es ist so schade, dass Tschechow für den Kinematographen nicht aufgenommen wurde“, hat er gesagt. Hier erklärt er seinem Sohn, wie das Filmen funktioniert. Andrejew, ein leidenschaftlicher Photograph, hat sich sogar eine eigene Filmkamera gekauft. „Der Kinematograph vernichtet die Einheit der Persönlichkeit… Stellen Sie sich vor, ich werde die Möglichkeit haben dank dem Kinematographen mich selbst jederzeit zu sehen so wie ich mit acht, achtzehn, fünfundzwanzig war… Und hier bewege ich mich.“

 

31:17

Am 21. und 22. April 1910 ist er in Jasnaja Poljana zu Besuch. „Andrejews Hände, die den Hut hielten, zitterten leicht“, schreibt Walentin Bulgakow, der Sekretär von Tolstoi.

Die beiden Schriftsteller reden über die Todesstrafe, über Selbstmorde, über den Alkoholismus im Volke. Aber auch über den Film, der die Massen beeinflusst. „Sie müssen unbedingt für den Kinematographen schreiben, Lew Nikolajewitsch! Ihr Beispiel wird eine große Bedeutung haben. Die Schriftsteller zögern noch, aber wenn Sie den Anfang machen, werden alle Ihnen folgen.“

 

31:54

Nachts denkt Tolstoi darüber nach.

 

32:19

„Ich wurde nachts immer wieder wach und ich habe es mir überlegt“, sagt er am Morgen zu Andrejew. „Ich habe mich entschieden, für den Kinematographen zu schreiben. Der kann manchmal nützlicher sein als das Buch. Er ist doch den breiten Massen verständlich, und dabei aller Völker. Ich werde unbedingt schreiben… Wenn ich es noch schaffe…“ Zum Abschied küsst er Andrejew.

 

32:56

Tolstoi kam nicht mehr dazu, ein Drehbuch zu schreiben. Aber er hatte schon für den Film geschrieben. Sein gesamtes erzählerisches Werk war filmisch.

 

33:19 O-Ton Lew Anninski

Der Film bringt uns zu Tolstoi zurück. Und man dachte lange, je genauer die Verfilmungen seiner Werke sind, desto besser ist es für Tolstoi, für die Weltrevolution, für die Sowjetmacht, für das Weltkino. In dieser Situation tauchte ich in das Material ein und habe folgendes herausgefunden: Es gibt vielleicht einen großen Wunsch, Tolstoi treu zu bleiben, aber es gelingt nicht. Wenn einer begabt ist, wird er Tolstoi mutwillig verlassen. Wenn er weniger begabt, dafür aber fleißig ist, wird er sich in Tolstoi auflösen. Dann kommen verschwommene Filme heraus, die für Tolstoi entbehrlich sind. Ich lese Tolstoi auch ohne Filme.

 

34:16

„Der Rheinfall Schaffhausen“. Ein Film aus dem Programm, das Tolstoi am 20. Juni 1910 sieht. Beim Besuch der Anstalt für Geisteskranke in Meschtscherskoje bei Moskau. Er arbeitet zu jener Zeit an einem Text „Über den Wahnsinn“.

 

34:52

Auch Spielfilme werden gezeigt.

Der Arzt Wladimir Kuwatschinski schreibt: „Die Tragödie „Nero“ über seine Liebe, seinen Tod und den Brand von Rom machte auf Lew Nikolajewitsch einen schlechten Eindruck. Er äußerte Zweifel daran, dass die Geisteskranken, insbesondere die Bauern, den Inhalt dieser Tragödie richtig verstehen.“

 

35:31

Einmal in der Woche zeigt man hier den Patienten Filme. Eine Art moderner Therapie.

 

35:55

„Der Film „Im Zoologischen Garten von Antwerpen“ gefiel ihm sehr. „Das ist ein echter Kinematograph. Man denkt unwillkürlich: Was die Natur nur so alles geschaffen hat…

 

36:15

Ach, die Affen. Das ist lustig!“ penibel notiert Sekretär Walentin Bulgakow die Kommentare des Dichters.

 

36:43

Für kolorierte Filme war Pathé sehr bekannt. Dafür beschäftigte die Firma fast 200 Arbeiter, meist Frauen.

 

37:10

Heute zeigt man hier keine Filme mehr. Das Klubhaus brannte Ende der 80er Jahre nieder.

 

37:21

„Den Film „Das Begräbnis König Eduards VII.“ hat er sich sehr gerne angeschaut“, schreibt der Arzt Kuwatschinski. „Lew Nikolajewitsch war von den englischen Pferden besonders angetan. (…) „Schauen Sie, schauen Sie, wie elegant diese Pferde sind, wie schön sie ihre Füßchen bewegen und aufspringen. Sie sind alle reinrassig… Hier dieser Offizier hat ein schönes Pferdchen! Ich hätte gerne so ein Pferdchen!“

 

38:02

Die Pathé-Komödie „Das ungewöhnliche Attentat“ mit Max Linder fand Tolstoi „inhaltslos“. Er mochte Komödien gar nicht.

Aus dem Tagebuch: „20. Juni. Fuhr nach Meschtscherskoje in den Kinematographen. Langweilig und sehr dumm und nutzlos.

 

21. Juni. Wir waren in Troizkoje. Dort Pracht und Prunk, der Kinematograph. Sascha hatte Kopfschmerzen. Auch mir war nicht wohl. Und langweilig. Der Kinematograph ist ekelhaft und verlogen.“

 

38:38

Troizkoje – das ist eine andere Anstalt für Geisteskranke, die er besucht.

 

38:48

Die Tochter Alexandra – Sascha – erinnert sich: „Der Saal ist voll, auf der Leinwand laufen irgendwelche dummen Melodramen. In der Dunkelheit schimmern die weiße Bluse und der graue Bart, ich spüre, dass der ganze Saal von den Geisteskranken voll ist, und möchte schnell weg von hier. Der Vater aber wechselt ruhig einige Worte mit Tschertkow und kommt offensichtlich nicht auf die Idee, sich zu fürchten.“

 

39:15

Ein Film aus diesem Programm: „Jagd auf fliegende Hunde auf der Insel Sumatra“ der Firma Pathé. Von 1910.

 

40:04

„Als nach fünf sehr interessanten Kulturfilmen eine dumme Komödie gezeigt wurde, stand Lew Nikolajewitsch auf und ging. Und wir, seine zahlreiche Begleitung, folgten ihm“, schreibt Walentin Bulgakow. Das war sein letzter Besuch im Kino.

 

40:26

„Moskau, 24. Juni 1910. Madame, wir hoffen, Sie erinnern sich an das großzügige Versprechen, das Sie uns gemacht haben, Ihren Gatten, Herrn Grafen um die Erlaubnis zu bitten, sich von uns filmen zu lassen, sobald das Wetter schön wird. Wir denken, dass der Moment zurzeit günstig wäre, angesichts der Temperaturen, die wir erwarten. Seien Sie versichert, Frau Gräfin, dass wir nichts tun werden, was Ihren Herrn Gatten ermüden könnte... In der Hoffnung, von einer günstigen Antwort beehrt zu werden, empfangen Sie, Frau Gräfin, eine Versicherung unserer vollkommenen Achtung, der Direktor Maurice Hache“.

 

Die Erlaubnis zu filmen bekommt aber nicht Pathé, sondern Drankow. Anfang September 1910.

Sofja Andrejewna nutzt die Gelegenheit, um Eintracht zu demonstrieren. Noch kurz davor hat er sie „so angeschrien, dass die Wände zitterten“. Die Aufnahmen werden auf dem Landgut Kotschety gemacht. Hier bei der Tochter Tatjana sucht Tolstoi Zuflucht vor dem Drama seiner Ehe. Aber Sofja Andrejewna bleibt ihm auf den Fersen. Sie fühlt sich schon lange hintergangen. Es geht um das geheime Testament, von dem sie etwas ahnt… Und tatsächlich sollte sie am Ende leer ausgehen.

 

42:01

„8. September. Sofja Andrejewna wollte unbedingt, dass Drankow sie zusammen mit mir dreht. Werde nicht arbeiten. Bin unruhig. Habe nichts geschrieben.“

Dicke Luft zu Hause begünstigt nicht gerade das Schreiben. Diesmal bleibt Tolstoi auch den Filmvorführungen fern, die Drankow in einer Scheune veranstaltet.

 

42:43

Keine zwei Monate später, am 28. Oktober wird Tolstoi Jasnaja Poljana für immer verlassen. Heimlich, nachts kehrt er der Familie den Rücken.

 

42:56

Er kann aber nicht verhindern, dass sein Weggang in aller Öffentlichkeit geschieht – vor Reportern, Spitzeln, Popen, Polizisten und Gendarmen. Auch die Filmkameras sind dabei.

Unterwegs wirft ihn eine schwere Lungenentzündung nieder.

 

43:19

Die Bahnstation Astapowo. Hier macht der Todkranke halt. Der Bahnvorsteher bietet ihm sein Zimmer an. 5. November 1910. Georges Meyer begleitet Sofja Andrejewna mit der Kamera. Sie kommt Tolstoi hinterher. Als „liebevolle besorgte Ehefrau“ wird sie jetzt posierend in das Zimmer von Tolstoi schauen. In Wahrheit ist das ein Vorraum. Seine Töchter sitzen bei ihm am Krankenbett.

 

43:52

Alexander Goldenweiser, der engste Freund der Familie, schreibt: „Wir, Tatjana Lwowna, Alexandra Lwowna und ich, saßen in der Küche. Plötzlich sah ich das Gesicht von Sofja Andrejewna im Fenster. Tatjana Lwowna ging zu ihr. Sofja Andrejewna sagte: „Ich komme nicht herein… Ich will nur die liebe Sascha sehen…“

 

 

Die erinnert sich: „Sie bat mich, sie in den Vorraum zu lassen. Ich wollte schon die Tür öffnen, als ich ein Summen hörte. Darauf drehte ich mich um und sah zwei Filmoperateure. Dann bat ich die Mutter zu gehen. “Lass wenigstens die Leute glauben, dass ich bei ihm bin!“ antwortete sie.“

 

 

Man lässt sie erst zu ihrem Mann hinein, nachdem er das Bewusstsein verloren hat.

Tolstoi stirbt am 7. November 1910 morgens um 6 Uhr 5 Minuten. Der Kopf als Schattenriss, nachgezeichnet auf der Tapete im Sonnenlicht. Heute ist dieses Zimmer Teil eines kleinen Museums.

 

45:16

In einem Gepäckwaggon wird der Sarg nach Jasnaja Poljana überführt. Die Polizei riegelt alle Stationen ab, und der Sonderzug fährt ohne Halt.

 

45:33

9. November 1910. Zur Beerdigung sind Tausende nach Jasnaja Poljana gekommen: die ansässigen Bauern, Moskauer Studenten, Freunde, Anhänger. Und eine Menge Polizei. Die Regierung befürchtet, dass der Abschied von Tolstoi zu einer Demonstration gegen den Staat und die Staatskirche wird. Ein Begräbnis ohne kirchliche Zeremonien. Tolstoi wollte es so. Er war schon lange aus der Kirche verbannt. Als Prediger seiner eigenen Religion.

 

46:37

Dies sind Aufnahmen des französischen Kameramannes Georges Meyer. Aber auch sein russischer Kollege Alexander Drankow dreht. Schon am nächsten Tag kommen diese Bilder in Moskau auf die Leinwand. Und dann auch überall in der Provinz. In vielen Städten werden die Filmvorführungen von der Obrigkeit verboten. Die Angst vor Unruhen geht um. Und nicht unbegründet: das Publikum ist enorm aufgewühlt.

 

47:47

Dreharbeiten zu einem Spielfilm. Marlen Chuziew, der einst mit einigen der schönsten Filme aus dem sowjetischen Alltag berühmt wurde, dreht jetzt einen Film über Leo Tolstoi und Anton Tschechow. Über ihre Begegnungen.

 

48:10

O-Ton Marlen Chuziew

Ich liebe natürlich die Milieuschilderung und ich habe auch hier dem Milieu viel Aufmerksamkeit gewidmet und sehr viele Stimmungsbilder gedreht, aber immer mit den beiden Protagonisten. Hinzu kamen dann immer wieder die tragenden Gedanken. Es ist ja überliefert, dass Tschechow ein Telegramm geschickt hat: „Tolstoi war da. Gespräch über die Unsterblichkeit“. Sie sprachen also über die Unsterblichkeit, aber eigentlich war es ein Gespräch über das Verhältnis zum Leben. Mich hat die Unsterblichkeit nie interessiert, aber das Verhältnis zum Leben schon.

 

49:00

O-Ton Michail Pachomenko

Wir wollten keinen Spielfilm… Es entsteht der Eindruck, dass Chuziew einen Dokumentarfilm dreht. Als ob es überhaupt kein Film, sondern ein Lebensfluss ist. Wie bei Dokumentaraufnahmen. Ohne jede Schauspielerei…

 

49:35

31. März 1902 auf der Krim. Drei Monate schwebte Tolstoi damals zwischen Leben und Tod. Eine schwere Lungenentzündung mit Komplikationen hatte ihn ereilt. Die ganze Familie bangte um ihn. Ein Sonderzug der Regierung stand schon für den Todesfall bereit.

 

 51:13

Selbst von Krankheit gezeichnet, besucht auch Tschechow den kranken Tolstoi. Er wird noch vor dem großen Alten sterben – 1904.

„Sterben heißt sich der Mehrheit anschließen“ – Tolstoi liebte diesen Spruch. Er aber hatte es damit nicht eilig. Er lebte weiter und begegnete dem Film.