Schmidt & Paetzel Fernsehfilme
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Das vergessene Verbrechen

Texte

 

00:52  

Am 22. Juni 1941 griff die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion an.

 

01:47

Boris Popov: Am 22. Juni gingen wir nach dem Frühstück in den Garten und legten uns in die Sonne. Das war ein polnisches Rittergut mit einem Garten. Wir liegen in der Sonne und hören Schüsse und Explosionen. Wir rätselten, was das wohl sei und kamen zu dem Schluss, dass da irgendwo Übungen stattfinden. In Wahrheit aber hatte der Krieg begonnen. Stellen Sie sich vor, bis 9 oder 10 Uhr wussten wir, 60 Kilometer hinter der Grenze, nicht, dass der Krieg bereits begonnen hatte.         

 

03:23  

Die Deutsche Wochenschau triumphiert und höhnt.

Die Landser können ihren Sieg kaum fassen und machen Fotos.

 

03:37  

Und die Russen? Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Nicht enden will ihr Strom über diese Brücke bei Brest.

Viele sind in Unterwäsche, viele barfuß.

Sie haben nicht einmal Zeit gehabt, sich anzuziehen.

 

03:55  

Sie sind die ersten von über 5 Millionen.

Wie viele von ihnen werden die nächsten Wochen, Jahre, diesen Krieg überleben?

 

04:10

Juri Kusnetzow: Der 22. Juni war ein Sonntag. Am 21. Juni hatte ich ein Trikot bekommen, in dem ich gegen das Nachbarregiment zum Fußball antreten sollte. Wir warteten nicht auf den Krieg, wir warteten auf ein Fußballspiel. Es waren keine Offiziere da. Sie waren alle zu ihren Familien gefahren, in die Winterquartiere. Das Kommando hatte ein Feldwebel. Dass der Krieg begonnen hatte, erfuhren wir von unserem Feldwebel.

 

04:58  

Der Wehrmachtssoldat und seine liebste Waffe, der Fotoapparat.

 

05:07  

Schließlich war dieser Feldzug auch eine Reise, vielleicht die einzige im Leben.

 

05:14  

Und Weihnachten, nach dem Sieg, würde man daheim unterm Christbaum Fotos zeigen.

Unser Vormarsch.

Fremdes, von oben herab gesehen.

 

05:33  

Idyllisches auch. Und Kriegsgeschehen natürlich.

 

05:42  

Kampfhandlungen im engeren Sinne sind selten. Wer kann schon schießen und gleichzeitig knipsen?

 

05:51  

Aber danach, wenn die Waffen schwiegen, und Männer mit erhobenen Armen aus dem Kornfeld kamen - manchmal auch Frauen - dann griff der Soldat zur Kamera.

 

06:06  

Feindseligkeit sieht man nicht auf diesen Erinnerungsfotos. Eher Kriegsroutine und etwas von Erleichterung.

"Überstanden", so mochten sie glauben. Die einen wie die anderen.

 

06:20  

Juli 1941, Hochsommer. Zwei Wehrmachtssoldaten und drei Gefangene, einer davon weiblich.

 

06:32  

Diese drei hier. Verängstigt, und doch voller Zuversicht.

 

06:39  

Sie ahnen ja nicht, in wessen Hände sie gefallen sind.

 

06:47  

Juri Kusnetzow diente in einem Artillerieregiment. Er kam mit dem zurückflutenden Heer bis an die Memel.

 

06:59

Juri Kusnetzow: Die Brücke war zerstört, und dort stauten sich viele Leute. Die Deutschen belegten uns mit Artillerie und Minenwerfern. Das nennt man Vernichtung der lebenden Kräfte des Feinds.

Als wir versuchten auszubrechen, explodierte neben mir eine Granate, und ich verlor das Bewusstsein.

 

07:23  

Geweckt wurde ich von einem Deutschen, der über mir stand. Er gab mir einen Stiefeltritt. Und so geriet ich in Gefangenschaft.

 

07:34  

Erinnerungsfotos.

Ohnmächtig in Gefangenschaft geraten, das ist ein wichtiger Punkt in der Biographie vieler Kriegsgefangener. Denn, sich in Gefangenschaft zu begeben, war für die Führung in Moskau gleichbedeutend mit Überlaufen. Kriegsgefangene waren Verräter, Volksfeinde.

Die Sowjetunion war ein Staat, der seinen Bürgern nicht traute.

 

08:05  

Waren diese „Verräter“ nicht in Wahrheit von ihrer Führung verlassen und verraten worden?

 

08:19  

Zwei Gefangene mit einem Essnapf. Im Hintergrund sitzt eine Mutter mit ihren beiden Kleinen im Gras. Ein Sommertag in der Ukraine oder in Weißrussland 1941.

 

08:58  

Boris Popov wusste nicht, dass Minsk, Hauptstadt Weißrusslands, schon am 5. Juli erobert war.

 

09:08

Boris Popov: Der Kommandant befahl, unseren Panzer zurückzulassen. Wir nahmen die Maschinengewehre und machten uns zu Fuß auf den Weg nach Minsk. 12 km vor der Stadt erwarteten uns die Deutschen. Und so geriet ich in Gefangenschaft.

 

09:20  

Eine Gefangenensammelstelle bei Minsk.

 

09:26  

Ein Gefangenenzug vor dem Haus der Regierung.

 

09:34

Boris Popov: Sie brachten uns nach Drosdy. Und, wissen Sie, in Drosdy waren am 5. Juli bereits um die hunderttausend Offiziere und Soldaten.        

 

09:45  

„Massengrab“, auf Russisch: „Brudergrab“.

 

09:52  

Ein paar Birken, ein Stein, eine Bank und Holzschildchen

 

09:59  

Darunter liegen etwa zehntausend Namenlose, die hier in Drosdy erschossen wurden.

 

10:12  

Die Wochenschau nennt den Namen dieser Sammelstelle nicht.

Stattdessen der übliche Hohn über ihre Insassen.

 

10:28  

Es ist Drosdy.

Und irgendwo in der Menge ist Boris Popov.

 

10:48

Boris Popov: Solch eine Menge von Leuten konnten die Deutschen nicht versorgen. Und sie taten es auch nicht. Erst in den letzten drei Tagen der zwölf Tage dort bekam jeder einen halben Liter balanda, Wassersuppe. Dazu schafften die Deutschen eine Feldküche herbei, stellten eine gusseiserne Wanne hin, warfen ein paar Hundert von unseren grünen emaillierten Halbliterbechern daneben auf den Boden, gossen die Wassersuppe in die Wanne und trieben uns an der Wanne vorbei. Sie füllten die Becher, wir tranken sie aus und warfen sie hinter der Wanne wieder auf den Boden. So fütterten sie uns einmal am Tag, die letzten drei Tage. Und dann, am 18. oder 17. Juli, genau weiß ich es nicht mehr, gaben sie uns Brot und trieben uns in den langen Kolonnen, die man in der Wochenschau sieht, ins Lager Masjukowtschina.

 

12:07  

Überall endlose Züge von Kriegsgefangenen.

Die meisten von ihnen kamen nicht bis Deutschland.

Sie endeten in den Drahtverhauen des Ostens.

 

12:23  

Die Gefangenenzüge sind ein Lieblingsmotiv der deutschen Fotoamateure.

Solche Massen!

 

12:32  

Erinnerungsfoto.

Ich, der Wachmann und die Gefangenen.

 

12:39  

Meine Beute.

 

12:42  

Es gab genügend Stacheldraht, um Lager einzuzäunen.

Aber es gab keine Behausung, keine Versorgung der Wunden und nicht genug zu essen. Oft nicht einmal Wasser.

 

12:58  

Über den Massengräbern des ehemaligen Stammlagers 352 in Masjukowtschina, heute ein Stadtteil von Minsk.

 

13:07  

Stalag 352 bestand aus einem städtischen Teil und einem Waldlager. In beiden zusammen kamen 80.000 Gefangene um.

 

13:28  

15. August 1941.

 

13:36  

Heinrich Himmler, Reichsführer SS, besichtigt das Stalag 352:

 

13:48  

„Wir haben damals die Masse Mensch nicht so gewertet, wie wir sie heute als Rohstoff, als Arbeitskraft werten… Die Gefangenen sind nach zehntausenden und hunderttausenden an Enkräftung, an Hunger gestorben.“

 

14:01  

Der Anblick entlockte ihm als menschliche Regung nur sein nervöses Schulterzucken und Halsräkeln.

 

14:15  

Der Klarheit halber: Himmler ist hier nur Besucher. Die Stalags unterstanden nicht der SS, und er hatte hier keine Befehlsgewalt. Die Wehrmacht war es. Es waren ihre Lager.

 

14:39

Boris Popov: Ich war so ungefähr zehn Tage in diesem Lager und merkte bereits, dass es mit mir zu Ende ging. Da entschied ich mich, etwas zu unternehmen, solange mir noch Kräfte geblieben waren. Es gelang mir irgendwie, in den Teil des Lagers zu kommen, wo die Arbeitskolonnen waren. Der war mit Stacheldraht und Wächtern eigens gesichert. Und dort trieb ich mich herum, bis zum Mittag etwa, und da kommt ein Deutscher, ein Major, auf der Suche nach Arbeitskräften.

Aus dem Hauptlager wollte er keine nehmen, die waren alle dreckig und ausgemergelt. Aber hier waren die Leute nicht so ausgehungert, und unter denen suchte er 15 aus.     

Ich machte auf mich aufmerksam, aber ich war dreckig und dünn, im Gegensatz zu den anderen; mich wollte er erst nicht haben.

Aber die meisten anderen hatten schon Arbeitskommandos und zogen los. Und außerdem trug ich Stiefel, nicht Wickelgamaschen wie die anderen. Die mit den Wickelgamaschen nahm er nicht. Wickelgamaschen - wie lange das immer dauerte. Er sah meine Stiefel und sagte: "Gut, komm her! Was ist dein Beruf?"  Ich sagte: "Ich bin ein Student aus Leningrad." - "In Ordnung", sagte er, und sie brachten uns, 15 Mann ins Haus der Regierung, hier hinten, zur Poststelle der Wehrmacht.

 

16:26  

Ein gefangener Offizier - kein Kommissar vermutlich, aber der Fotograf glaubt, er sei einer. Kommissare, politische Führungskader sind laut „Kommissarbefehl“ der Wehrmachtsführung sofort zu erschießen.

 

16:43  

Hier macht ein Trupp der SS Gefangene.

 

16:50  

Ob sie in dieser Frau mehr sehen als ein Flintenweib?

Wenn ja, ist ihr Schicksal besiegelt.

 

17:05  

Erinnerungsfoto. “Partisanen" steht auf seiner Rückseite.

Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Denn die Toten tragen Uniform.

 

17:18  

Entweder waren sie versprengte Soldaten, irgendwo im Hinterland aufgegriffen und als Freischärler erschossen, oder sie wurden aufgrund des Kommissarbefehls ausgesondert.

 

17:36  

Jewgeni Dolmatowski, Dichter.

Nach dem Fall Berlins hat er sich eine Hitlerbüste organisiert.

 

17:46  

Berühmtes Foto.

 

17:52  

Kriegskorrespondent, Parteimitglied, Intellektueller.

Außerdem war Dolmatowski Jude.

Sie hätten ihn umgebracht, wenn sie ihn nach der Schlacht von Uman im August 1941 unter den über 100000 Gefangenen entdeckt hätten. Und doch hat er überlebt, ihm gelang die Flucht, und er erreichte als Sieger Berlin. Die Überlebenden sind die Glücklichen der Geschichte. Über die „Grube von Uman“ sprach er nie, aber sie ließ ihn sein Lebtag nicht los.

 

18:41   Verse Dolmatowskis:

Ich wusste stets, ich kann nicht leben ohne Uman.

Das heißt, nicht sterben, ohne noch einmal

dorthin zu fahren in diese wahnsinnsheiße Grube,

wo nicht vom Ton der Südhang blutig ist.

 

Wo wir vor´m Sterben unsre letzten Worte

mit Nägeln in Barackenziegel schrieben

und durchzuhalten suchten bis zum Morgen.

Den Feind verfluchten, flüsternd uns verschworen.

 

19:34

Boris Popov: Das Schlimmste war, dass es unter uns Verräter gab. Verräter, Kriecher, die herumschnüffelten, versuchten, einen Kommissar zu entdecken, oder einen Offizier, der sich unter den Soldaten versteckte. Oder etwa einen Juden zu finden - dafür bekamen sie vielleicht eine Zigarette und hofften, sich beliebt zu machen. Ich geriet einem noch im Waldlager in Masjukowtschina in die Fänge. Der war ein Oberleutnant vom Don, Kosake, stellte sich mir als Patriot vor. Wir redeten miteinander, und er wollte meinen Namen wissen. Ich saß da mit einem Lehrbuch, das ich aus dem Haus der Regierung hatte, und studierte etwas Deutsch. Hatte ja nichts zu tun. Er kam als Patriot zu mir, erfuhr meinen Namen und verschwand. Nach einiger Zeit Appell in unserem Block. Wir traten an, und einzelne wurden nacheinander aufgerufen. Wer heraustrat, wurde beiseite gestellt. Plötzlich wird auch mein Name aufgerufen. Ich höre es, aber keiner tritt vor.

Ich werde doch nicht vortreten. Und so fanden sie mich nicht. Nach mir wurde noch einer aufgerufen, auch der trat nicht vor, wurde dann aber von einem Nachbarn herausgestoßen.

Der SS-Mann packte ihn: "Was versteckst du dich? Wo ist dein Orden?" Jemand hatte also verraten, dass er einen Orden hatte, noch aus dem Finnland-Krieg. Sie führten die Gruppe ohne mich ab. Abends ruft mich der Bockälteste. "Bist du ein Jude?“ - Verstehen Sie? Jemand hatte meinen Namen genannt als den eines Juden, der sich als Russe tarnt. Die anderen führten sie ab, ich blieb übrig. Das war das erste Mal, dass ich Glück hatte.

 

21:51  

Erinnerungsfoto. Ein Zug der Reichsbahn mit offenen Waggons. Darin, dichtgedrängt, stehend, Kriegsgefangene. Aufgenommen am Grenzbahnhof Brest. Es geht nach Westen.

 

22:13  

Zwangsarbeit.

Deutschland brauchte Arbeitskräfte.

Die eigenen waren an der Front.

 

22:25  

Seit Sommer 1941 kamen hier sowjetische Kriegsgefangene an, unter ihnen Juri Kusnetzow.

 

22:36  

Wietzendorf ist ein liebenswerter Ort in der Lüneburger Heide, der Lönsheide, deutsche Dichtergegend.

 

22:44  

An manchen Tagen weht Gefechtslärm von den nahen Truppenübungsplätzen herüber.

 

22:51  

Ansonsten Beschaulichkeit und Wohlergehen. Man könnte hier leben wollen.

 

23:20

Juri Kusnetzow: Wietzendorf. genau so ein Lager wie zuvor. Ein Feld, umgeben von zwei Reihen Stacheldraht. Wachttürme, Maschinengewehre, Scheinwerfer. Und keine Behausung. Wir lebten in der Erde. Das war die allerschwerste Zeit.

 

 

23:37  

"Lagerleben" steht auf der Rückseite dieses Fotos, "im Hintergrund unsere Wachbaracken."

Im Vordergrund sammeln Männer Essbares vom Boden.

 

23:55  

Wietzendorf, Stalag 310. Auf dem Lagergelände ist heute eine Solaranlage.

 

24:06  

26. August 1941, Stalag 304, Russenlager, in Zeithain in Sachsen.

Es gibt eine Sonderration heute, etwas mehr zu essen, weil hoher Besuch eingetroffen ist.

Essend, ohne ihr Essen zu unterbrechen, drängen sich Kriegsgefangene, gemeinsam mit Offizieren der Wehrmacht um - Propagandaminister Joseph Goebbels.

 

24:52  

Der Kameramann versucht, „Untermenschen“ zu drehen, das ist sein Auftrag, und er sucht mit seiner Kamera das Lager nach einem geeigneten „Osttypen“ ab.

 

25:16  

Feixende Wachleute - Herrenmenschen - im Hintergrund, wollen mit ins Bild. Nochmal den Schwenk.

 

25:31   Der Sinn dieser Goebbels-Expedition nach Zeithain ist ausdrücklich die Begegnung mit dem „slawischen Untermenschen“, den auch der Propagandaminister sonst nur aus der Wochenschau kennt. Am Abend, in seinem Tagebuch, macht Goebbels keinen Hehl aus seiner Enttäuschung.       

 

25:50 Goebbels, Tagebuch: Man findet unter den Bolschewisten eine ganze Reihe von frischen, gutmütig aussehenden Bauernburschen. Ich unterhalte mich mit ihnen.

 

26:01  

Davor hatte er geschrieben:

26:03 Goebbels, Tagebuch: Das Gefangenenlager bietet ein grauenhaftes Bild. Die Bolschewisten müssen zum Teil auf der nackten Erde schlafen. Es regnet in Strömen. Wir stapfen ein paar Stunden durch dieses Lager in strömendem Regen, sehen etwa 30 Gefangene hinter Drahtgittern in einem Pferch zusammen stehen. Sie haben sich alle etwas zu Schulden kommen lassen.

Man kann bei der Besichtigung eines solchen Gefangenenlagers schon sehr merkwürdige Ansichten über die Menschenwürde im Kriege bekommen.

 

27:30  

Vom Russenlager Zeithain steht nichts mehr. Die Lagerstraße ist freigelegt worden.

Ein paar Zementbrocken.

Das ist alles.

 

27:48  

Wietzendorf. Hier hausten die Gefangenen bis in den Herbst in ihren Erdhöhlen.

 

27:58

Juri Kusnetzow: Es wurde bereits kalt, Oktober, November - wie hielten wir uns warm? Indem wir einander wärmten. Wir zogen unsere Mäntel aus, breiteten zwei auf den Boden, legten uns darauf und deckten uns mit den anderen beiden Mänteln zu. Und so hielten wir uns am Leben. Wir waren drei Jungs, und der vierte war ein Lehrer. Ein Literaturlehrer. Ein guter Kerl, wie sich zeigte. Er gab uns Unterricht in unserem Erdloch, wir lagen da, und er erzählte uns von Puschkin und Lermontow und so weiter. Die Ernährung war äußerst primitiv. Morgens gab es eine Kawa zu trinken und ein Stückchen Brot. Zum Mittag gaben sie uns eine Art Suppe, wir nannten sie balanda. Rüben mit Wasser. Die Rüben waren nicht gewaschen oder geschält. Abends auch wieder Balanda. Das war das ganze Essen. Von der Balanda gab es nur wenig, eine Kelle. Wer ein Stück Rübe darin hatte, war ein glücklicher Mensch.

 

29:18  

Die russische Lagerpolizei. Mit Peitsche.

 

29:25  

Wer hier angekommen war, in Wietzendorf, Lüneburger Heide, der war schon kein ganzer Mensch mehr. Der war entwurzelt. Fremd. Niemand, mit dem man Mitleid hat.

 

29:39  

Alle diese Fotos stammen aus Alben der Wachmannschaften. „Meine Kriegserinnerungen.“

 

29:49  

„Entlausung.“

 

29:55  

Fast in allen Lagern, ob in Deutschland oder hinter der Front, brach Fleckfieber aus.

 

30:08

Rückseiten Fotos

Transport zum Arzt…steht auf der Rückseite dieses Fotos.

 

30:12

Rückseiten Fotos

Aber es nützt nichts mehr.

 

30:16  

Gestorben und gleich ausgeplündert. Man hat ihm nichts gelassen. Es ist im Durchschnitt eine Arbeit von den Russen von einer Minute, dann ist er blank.

 

30:29  

Auch er wird nicht mehr lange machen.

 

30:48  

Im Winter 41/42 wurde H. D. Meyer, Leutnant der Reserve, von Beruf Volksschullehrer, nach Wietzendorf versetzt. Er wohnte in Hartmanns Gasthof, ging täglich zu Fuß zum Dienst ins Lager und sah sich als Chronist des Geschehens.

 

31:07

Leutnant Meyer

Heute Morgen zum ersten Male durch´s KGF-Lager gegangen. Tote Russen wurden an uns vorübergetragen und nackt abseits in den Schnee gelegt.

Eine Flecktyphus-Impfung kostet 170 Mark, ich werde nicht geimpft.

Alle Leichen, völlig nackt, waren stark mit Kot beschmutzt und so abgemagert, dass man die Rippen zählen konnte.

Nachmittags bin ich mit unserem Beerdigungskommando hinaus zum Friedhof gegangen. Der Chronist soll und muss es sich ansehen.

Vollkommen abgestumpft warfen die beerdigenden Iwans ihre Toten in das offene Massengrab. Und wenn ihre Hände zum Verpacken nicht genügten, dann nahmen sie ihre Füße zu Hilfe.

 

32:23  

„Die beerdigenden Iwans.“ - „Vollkommen abgestumpft“ - „Sie nahmen ihre Füße zu Hilfe.“

 

32:29  

Das Böse sucht man immer beim anderen.

Der Chronist dagegen…

 

32:39  

Der russische Friedhof von Wietzendorf liegt noch heute auf militärischem Gelände. Truppenübungsplatz Munster-Süd.

 

32:52  

Kein Erinnerungsfoto, ein Erinnerungsfilm, aufgenommen auf 8mm von einem vermutlich österreichischen Wachsoldaten oder Offizier im Stalag 372 in Pskov, Russland. Winter 1942/43.

 

33:10  

Er ist ein Hobbyfilmer mit Ambitionen, und er lässt ein paar Szenen für die Kamera wiederholen.

 

33:35  

Ein Toter, dem die Leber herausgeschnitten wurde.

 

33:42  

Dass die Gefangenen, wahnsinnig vor Hunger, begannen einander aufzufressen, rief bei ihren Bewachern weder Mitleid noch Scham hervor, nur Verachtung.

 

34:04  

Warum macht einer solche Aufnahmen?

 

34:27  

Der Leiter der Gedenkstätte Zeithain gewinnt Erkenntnisse aus den privaten Erinnerungsfotos.

Jens Nagel hat sich die Aufgabe gestellt, die Namen der Opfer aus der Vergessenheit zu holen.

 

36:03  

Der Ehrenhain Zeithain, eine sowjetische Gedenkstätte in Deutschland. Die Gräber wurden eingeebnet. Wir haben das Verbrechen vergessen, weil niemand uns zur Erinnerung zwang.

Ein starker Mahner fehlte, ein Anwalt der Opfer. die Sowjetunion schwieg. An dem kleinen Bahnhof Jacobsthal kamen die Transporte für Zeithain und Mühlberg an. Die beiden benachbarten Lager unterschieden sich sehr voneinander.

 

36:56

Boris Popov: Mühlberg, das Stammlager IV B, war ein internationales Lager, wo es nach den Bestimmungen der Genfer Konvention zuging. In Bezug auf die Engländer, Franzosen, Serben… Dort waren alle Nationen, Holländer… Nun, und die Russen - warum konnte ich dort bleiben? Ich wurde zur Arbeit im Gemüsegarten abkommandiert. Das war ein Glück, denke ich. Ich habe in diesem Garten bis 1945 gearbeitet. Die anderen - entweder arbeiteten sie in den umliegenden Dörfern, gingen jeden Tag zu den Bauern und kehrten abends ins Lager zurück, oder sie arbeiteten im Lager, versorgten die französische Abteilung, z. B. das Scheißkommando - oder sie kamen nach Zeithain.

 

37:58  

Vom Stalag 4B ist die Lagerstraße geblieben, ein paar freigelegte Fundamente, Gedenktafeln. Hier konnte auch ein Russe in die Nähe eines normalen Gefangenendaseins kommen.

 

38:15

Boris Popov, 1943, unter Franzosen, Engländern, Holländern; er war auch hier seines Lebens nicht sicher.

 

38:29

Boris Popov: Ich wurde mit einer Gruppe von 23 Leuten aufgerufen. Als ich mich umschaute, sah ich: es waren im wesentlichen Juden. Wir 23 wurden vor eine Kommission geladen. Das war bereits 1943. Zwei Zivilisten gehörten zu der Kommission; sie kamen von einem Berliner Rasseinstitut. Spezialisten. Ein Übersetzer, ein SS-Mann, und sogar ein Vertreter der Gefangenen. Das war also eine sehr demokratisch besetzte Kommission zur Auslese der Juden. Wir wurden einzeln aufgerufen, das fand im Büro des Sonderführers im Stalag IV B statt, und als ich an der Reihe war, untersuchten mich die Spezialisten, den Kopf vor allem, und sagten: "Er ist ein Halbjude." Vielmehr: "Er ist ein Jude." Ich hatte sie aber verstanden und sagte: "Nicht doch! Ich bin ein Russe!" So ging das eine Weile hin und her. Sie sagten: "Du bist Jude," ich darauf, "Nein, Russe". - "Und du nennst dich Popow, weil das der allerrussischste Name ist!" Ich: "Seit der Geburt trage ich diesen Namen!"

 

40:03

Rückseiten Fotos

Ein Jude, welcher ausreißen wollte.

 

40:07  

Aus dem Album eines Wachmanns aus Wietzendorf.

 

40:13

Rückseiten Fotos

Ein Kommissar

 

40:15  

Noch ein vermeintlicher Kommissar.

 

40:20  

Jude.

 

40:21  

Der mit dem Kreuz.

 

40:25  

Der Wietzendorfer Chronist. Leutnant Meyer, hatte gehört, was mit ihnen geschah.

 

40:33

Leutnant Meyer : Sie kommen nach Oranienburg, wo sie am laufenden Band erschossen werden, so erzählt man flüsternd. Das Erschießen soll sehr schnell vor sich gehen. Die Ausgesuchten treten unter ein Gerät, das wie ein Messgerät aussieht und schon haben sie eine Kugel in den Hinterkopf.

 

41:00  

Oranienburg. KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

 

41:05  

Der Kittel eines sowjetischen Soldaten.

 

41:11  

Es war in einer Baracke, die hier stand.

Im Herbst 1941 wurden hier über zehntausend sowjetische Kriegsgefangene ermordet.

 

41:33

Boris Popov: Nach einer Woche kam ein Autobus. Mit Polizisten. Starke Bewachung, sieben Leute fast. Sie rufen sieben Leute aus der Gruppe auf und nehmen sie mit. Warum sieben? Wir waren doch 23! Nach einer Woche kam der Autobus wieder und nahm noch einmal sieben mit. Und in der dritten Woche wieder. Dann kam er nicht mehr. Von unserem Kommando aus 23 Leuten blieben zwei übrig.

 

42:13  

Boris Popov ist heute 95. Er ist einer der Glücklichen der Geschichte.

 

42:22  

Über 3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene kamen in deutschen Lagern ums Leben. Jeder zweite. Mehr als jeder zweite. Viele waren noch halbe Kinder.

 

42:30  

Zwischen diesem Mord und dem Holocaust gibt es Unterschiede. Einer davon besteht in den Filmen und Fotos, die alles vom Anfang bis zum Ende festhalten. Die Täter haben ihr Verbrechen dokumentiert, als wären sie sich keiner Schuld bewusst.

 

43:08  

Ist diese Untat ein Zeugnis für die Bestialität einer Nation?

Einer Epoche?

Des Menschen schlechthin?

 

43:20  

In Zeithain gibt es Tafeln mit Grabbildern. Nachfahren bringen sie mit, wenn sie nach Deutschland kommen und die Gräber aufsuchen.

 

43:34  

Dumme Jungs schießen mit dem Luftgewehr auf die Tafeln.