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Das sowjetische Erbe

Texte

 

 

Stalingrad. Heute Wolgograd – das Pantheon des Großen Vaterländischen Krieges. Der Große Vaterländische Krieg - so heißt der Krieg der Sowjetunion gegen Nazideutschland. Alles, was sonst geschah im Zweiten Weltkrieg, steht in seinem Schatten.

 

27 Millionen Kriegsopfer hatte die Sowjetunion zu beklagen.

 

Die Ehrenwache hütet das ewige Feuer, die Erinnerung an das Heldentum ihrer Urgroßväter.

 

Aus dieser Erinnerung schöpft Russland bis heute – und heute wieder besonders – seine Kraft.

 

02:15

Am Flüsschen Muchawez bei Brest. Die Westgrenze der Sowjetunion. Im sowjetischen Bewusstsein begann der Zweite Weltkrieg nicht 1939, wie für den Rest der Welt, sondern am 22. Juni 1941 – mit dem deutschen Überfall. Auch die Festung Brest ist, wie Stalingrad, ein Ort des Mythos. „Ich sterbe, aber ich ergebe mich nicht“, ritzte ein Soldat in den Ziegelstein.

 

Der letzte Verteidiger hielt einen ganzen Monat durch. Am 23. Juli wurde er gefangengenommen. Ein Held. Nach der Kriegsgefangenschaft musste er, 1945 – wie viele andere auch – in ein sowjetisches Straflager. Wer nicht gefallen war, war ein Verräter.

 

03:21

Pjotr Kotelnikow, heute Oberstleutnant im Ruhestand, war damals 12 – ein kleiner Trompeter im Musikzug. Der Krieg erreichte ihn in der Festung.

 

03:38

Pjotr Kotelnikow:

Das war ein schreckliches Erwachen. An diesem Sonntag wachten die Soldaten und Kommandeure inmitten von Feuer und Tod auf. Viele starben in den ersten Minuten ohne zu begreifen, was wirklich geschah. Artillerie und Minenwerfer, Explosionen – all das erschütterte die Erde. Die Häuser und Kasernen brannten, brachen zusammen. Es brannte sogar, was eigentlich gar nicht brennen konnte. In der Festung wütete ein Feuersturm. In so einer Lage verbrachten ihre Verteidiger den ersten Tag des Krieges.

 

04:26

Strategisch gesehen hatte die alte Festung keine Bedeutung. Die Garnison harrte hier nur aus, weil sie es nicht rechtzeitig geschafft hatte, sich zurückzuziehen. So wurde die Festung Brest ihr zur Falle. Viele ergaben sich, andere kämpften bis zum Ende.

 

Weißrussland ist heute ein selbständiger Staat. Besondere Auszeichnung für die besten Schüler der Stadt Brest: Sie dürfen die Ehrenwache halten am ewigen Feuer.

 

Für Stalin war Brest ein Ort der Schmach. Warum hatte er den Angriff nicht kommen sehen? In seiner Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges kam die Festung Brest nicht vor. Aber später, nach seinem Tod, wurde sie Festung zum nationalen Symbol. „Heldenfestung“.

 

05:32

Anfang Juli 1941 mobilisierte Moskau bereits eine Art letztes Aufgebot. Einen sowjetischen Volkssturm. Ohne Ausbildung und schlagkräftige Waffen. Arbeiter, Kolchosbauern, Ingenieure, Wissenschaftler, Künstler - von zwölf Divisionen wurden fünf fast komplett aufgerieben.

 

06:32

Alexander Sloboda hatte seinen ersten großen Kampf im Juli 1941 in Weißrussland bei Mogiljow. Dort sprengte er zwei Panzer.

 

06:45

Alexander Sloboda:

Zwei Granaten hatten wir Rotarmisten im Gürtel, ein altes Repetiergewehr über der Schulter und zwei Brandflaschen. Auf dem Marsch brachte man uns bei, wie man diese Flaschen richtig einsetzt: Werft sie nicht auf die Panzerketten. Damit erreicht man nichts. Die Ketten bleiben intakt. Der Panzer hat den Motor hinten. Darüber ist eine Luke. Ein Kühlergrill. Genau darauf muss man mit der Flasche zielen. Dann zerbricht sie, und der Motor fängt Feuer. Das war`s dann!

 

08:06

Das Unheil erreichte Kiew am 19. September 1941, als es von der Wehrmacht eingenommen wurde. Viele Ukrainer verbanden zunächst Hoffnungen damit. Die deutsche Besetzung im Ersten Weltkrieg war nicht in schlechter Erinnerung, die Zeit danach, die sowjetische, aber wohl.

 

08:32

Babij Jar – ein Ort des Grauens. Mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden hier am 29. und 30. September 1941 ermordet. Erst 50 Jahre nach dem Massaker hat man ihnen ein Denkmal gesetzt. In der sowjetischen Geschichtsschreibung kam der Holocaust nicht vor.

 

09:00

Anna Bebich hat es gesehen. Und ging danach zur Roten Armee als Flakhelferin.

 

09:10

Anna Bebich:

Um 8 Uhr morgens begann eine fürchterliche Schießerei. Wir hörten sie deutlich. Es war nicht mal 500 Meter von uns entfernt. Hinter einer Ziegelei und einer Wiese, wo wir als Kinder Blumen pflückten, und da waren Gruben, wo wir „Rote und Weiße“ spielten. Da hörten wir das Schießen ganz nah. Ein Nachbarsjunge, der ein Jahr älter war, sagte: „ Lasst uns doch nach oben klettern, und sehen, was da los ist!“ Und wir sahen, wie Leute aus der jüdischen Bevölkerung sich nackt ausziehen mussten. Ihre Sachen wurden auf einen Lastwagen geworfen. Was sie in den Händen trugen, kam auf einen anderen Haufen. Als der Lastwagen voll war, brachte man sie zur Schlucht und stellte sie dort mit dem Gesicht nach vorne an den Rand. Das war schrecklich. Die Kinder weinten, hielten sich an ihren Müttern fest. Sie wurden von ihnen losgerissen und in die Schlucht geworfen. Das Schreien in der Menge war so laut, dass es das Feuer der Maschinengewehre übertönte.

 

10:40

Die Tragödie von Babij Jar im sowjetischen Film „Die Unbeugsamen“. Der Regisseur Mark Donskoj drehte ihn Anfang 1945 in Kiew. Der Film kam auch in die Kinos. Aber drei Jahre später begann Stalin seine Kampagne gegen „wurzellose Kosmopoliten“. Das heißt gegen die Juden. Von nun an lag der Mantel des Schweigens über dem Holocaust. Als hätte es ihn nie gegeben. Die wahre Geschichte wurde lange Zeit, mündlich und heimlich, im Familienkreis überliefert.

 

11:26

Raissa Majstrenko hat das Massaker überlebt. Mit ihrer Großmutter gelang ihr die Flucht.

 

11:38

Raissa Majstrenko:

Den Weg entlang wurden Rabbiner getrieben. Ich nannte sie „die weißen Großväterchen“, und so blieben sie mir immer in Erinnerung. Sie trugen nur Unterwäsche und waren blutig. Bei einem war der Bart fast ganz ausgerissen und die Wunde blutete. Ich sehe es mein ganzes Leben vor mir. Meine ukrainische Oma trug mich auf dem Arm – sie hatte ihren Pass bei sich. Oma hielt mich fest, bekreuzigte sich immer wieder und schrie ohne Unterlass: „Ich bin Russin, ich bin Russin“. Obwohl sie Ukrainerin war. Da kommt einer von der ukrainischen Polizei auf sie zu und sagt: „Was schreist du hier herum? Ihr seid alle Juden!“ Und holt aus zum Schlag mit dem Gewehrkolben, um mir den Kopf zu zertrümmern. Oma hält ihm ihre Schulter entgegen, und der Schlag trifft sie. Sie fällt zu Boden. Da kommt ein deutscher Soldat, richtet sie auf und fragt: „Jüdin?“ Oma sagt: „Russin“. Er stößt uns zurück in die Menge. Sie lief zum Ende der Kolonne. Dort standen Panzersperren. Sie kam irgendwie hindurch und lief weg. Da war niemand von der Wache. Noch ein Mädchen rannte mit uns zusammen fort. Wir liefen in Richtung Friedhof. Sie schossen uns hinterher, trafen aber nicht. Wir liefen, bis die Kräfte Oma verließen, und sie zu Boden fiel zwischen den Gräbern. Ich erinnere mich gut, wie die Blätter raschelten, und Oma uns beide umarmte und immer wieder sagte: „Leise, leise...“

 

14:00

In der Schlucht von Babij Jar wurde 1976 ein Denkmal errichtet. Aber nicht für die ermordeten Juden. „Für sowjetische Bürger und kriegsgefangene Soldaten und Offiziere der Sowjetarmee, von den deutschen Faschisten erschossen in Babij Jar“, steht auf einer Tafel.

 

„Wozu müssen wir unter allen leidtragenden Nationen ausgerechnet diese herausstellen, wenn doch bei uns alle Nationen gleich sind? Selbst wenn wir wissen, dass in dieser Schlucht, in dieser Grabstätte nur Juden liegen, müssen wir trotzdem sagen, dass hier alle Nationen liegen“. Stalin.

 

13:57

Lasar Roitenburd:

 

Wo Sensen klangen, Mädchenlachen

Der Jungen Herz einmal betörte,

Dort traten die Matrosen an.

Und ich hab´ erstmals dort getötet.

 

Ich seh den Schnauzbart noch - wie Rost.

Und zwei Medaillen auf der Brust.

Dazwischen stieß mein Bajonett.

Er sollte weg aus dieser Welt.

 

Dass er zu meinem Haus nicht findet,

Wo Mutter Schutz erhofft und zagt.

Dass künftig keines seiner Kinder

Und Enkel Krieg zu führen wagt.

 

Ich stach ihn nieder. Bajonett.

Damit er stirbt. Dass er nicht lebt.

Damit mein Blut, mein Haus besteht,

Hab ich zum ersten Mal getötet.

 

Es ist nicht leicht jetzt zuzugeben,

Und ich schlafe schlecht deswegen:

Wir hatten nicht gelernt zu küssen,

Als wir das Töten lernen mussten.

 

15:48

Als Kadett in den Krieg. Lasar Roitenburd, Marineoffizier, 96 Jahre alt und erblindet. Wie ein Homer. Sewastopol war sein Troja.

 

Die Verteidigung der Festung Sewastopol dauerte 250 Tage – vom 30. Oktober 1941 bis zum 4. Juli 1942. „Heldenstadt“ Sewastopol.

 

Hier ist seit jeher die russische Kriegsflotte stationiert, und die meisten Einwohner sind über Generationen mit ihr verbunden.

 

Putin als Matrose. Er hat die Krim heimgeholt. „Glückwunsch zur Rückkehr in den Heimathafen!“ – steht auf der Fassade.

 

Selbsternannte Kosaken. Sie haben sich verdient gemacht um den Anschluss der Krim an Russland. Jetzt gehört ihnen die Straße.

 

Am 27. Juni 1942 verließ Lasar Rojtenburd, inzwischen Zugführer, die Stadt mit dem letzten Schiff. Er war schwer verwundet. Eine Woche später fiel Sewastopol in deutsche Hand.

 

18:19

Lasar Roitenburd:

Der Feind schickte hunderte von Flugzeugen auf uns. Alles explodierte – als ob ein schweres Erdbeben Sewastopol erschütterte. Die Stadt stand in Flammen. Ihre Verteidiger hatten große Opfer zu beklagen. Aber die Stadt hielt aus. Der zweite Sturm auf Sewastopol verlor allmählich an Kraft. Wir bekamen Verstärkung vom Land. Unsere Schiffe fingen an, die feindlichen Stellungen systematisch und effektiv zu beschießen. Aber wir hatten große Verluste, besonders unter den Zugführern. Denn nach dem damaligen Kampfreglement musste ein Zugführer während eines Gegenangriffs an der Spitze seines Zuges laufen. Stellen Sie sich das vor: ein Vierzig-Mann-Zug, voran drei Truppführer und ein Zugführer. In ein paar Minuten werden sie nicht mehr leben.

 

19:55

„Die Verteidigung von Sewastopol“ – verewigt in einem Schlachtgemälde von Alexander Dejneka. Es entstand 1942 in Moskau, während in Sewastopol noch gekämpft wurde.

 

Auch hier: Die besten Schüler der Stadt halten die Ehrenwache am „Denkmal der Heroischen Verteidigung Sewastopols“. Am Admiral-Nachimow-Platz im Zentrum. Nachimow ist der Held aus dem Krimkrieg, 19. Jahrhundert.

 

Eine Jugend in Tarnfleck. Allzeit bereit.

 

21:47

Alexander Sloboda:

1941 und 1942 waren für unsere Heimat tragische Jahre. Das Schicksal Moskaus hing an einem seidenen Faden. Aber warum haben die hochgelobten deutschen Generäle weder Moskau noch Leningrad erobert?

 

Das letzte Moskauer Aufgebot im Juli 1941. Abschied auf immer. Es geht in die Blutmühle der Kesselschlachten von Smolensk und Wjasma.

 

22:46

Feld der Gottesmutter – bei Wjasma, etwa 220 Kilometer westlich von Moskau. Ein idyllischer Name - für ein Schlachtfeld. Im Oktober 1941 erlitt die Rote Armee hier eine vernichtende Niederlage: über 380.000 Gefallene und fast 670.000 Kriegsgefangene. Der Weg der Wehrmacht nach Moskau war frei. Dort brach Panik aus.

Zu Sowjetzeiten hat man ungerne an Wjasma erinnert. Das Ausmaß der Katastrophe, die Zahl der Verluste und die Fehler der Militärführung wurden verschwiegen. Erst nach Jahrzehnten begannen Einzelne, die Überreste der hier gefallenen, nie bestatteten Rotarmisten zu bergen und umzubetten. Am 22. Juni 2009 wurde hier eine Gedenkstätte eröffnet.

 

23:44

Stalin:

Unser ganzes Land, alle Völker unseres Landes unterstützen unsere Armee und unsere Flotte und helfen ihnen, die räuberischen Horden der deutschen Faschisten zu zerschlagen. Unsere menschlichen Reserven sind unerschöpflich. Der Geist des großen Lenin und sein siegbringendes Banner beflügeln uns heute zum vaterländischen Krieg wie vor 23 Jahren. Es gibt keinen Zweifel, dass wir über die deutschen Invasoren siegen können und siegen müssen. Der Feind ist nicht so stark, wie ihn einige verängstigte Kleingeister schildern. Der Teufel ist nicht so schwarz, wie man ihn malt.

 

24:28

Die Rede Stalins am 7. November 1941 bei der Militärparade zum Jahrestag der Oktoberrevolution auf dem Roten Platz in Moskau. Seit 2003 wird diese Parade alljährlich in historischen Uniformen wiederholt. 1941 standen die Angriffsspitzen der Wehrmacht nur etwa 40 Kilometer vom Roten Platz entfernt. Und Stalin wollte zeigen, dass Moskau standhielt, und der Kampfgeist der Armee ungebrochen war. Das Wetter spielte damals mit: der aufkommende Schneesturm schützte vor den deutschen Fliegern. Diese Parade blieb die einzige während des ganzen Krieges. Sie dauerte nur 25 Minuten. Obwohl einige Einheiten direkt von hier an die Front gingen, waren die Waffen nicht geladen. Damit niemand auf Stalin schießt. Er traute seinen Helden nicht.

 

25:29

Aus Sicherheitsgründen wurde die Parade um eine Stunde vorverlegt. Die Kameraleute verpassten seine Rede. Nachdreh drei Wochen später – im Georgi-Saal des Kreml, vor einer Attrappe des Lenin-Mausoleums.

 

Ein filmhistorisches Dokument: Schnittreste, die den Nachdreh bezeugen.

 

26:06

Alexander Sloboda:

Als wir im Dezember eine Gegenoffensive bei Moskau anfingen, brachten wir die Deutschen ins Schwitzen. Obwohl manchmal vierzig Grad Kälte herrschte. Die Vögel fielen erfroren vom Himmel. So kalt war es. Aber wir hielten durch, wir hielten stand, waren warm gekleidet, hatten gutes Essen. Die Stimmung war gut. Und sie war dann noch besser, als wir im Laufe unserer Gegenoffensive die deutsch-faschistischen Truppen um 150 km zurückgeworfen hatten. Was man vom „General Frost“ erzählt, ist völliger Quatsch. Wir hatten kein besseres Wetter als die Deutschen. Manchmal machten wir ein Lagerfeuer, dann legten wir Tannenzweige auf die Kohlen und wärmten so eine Seite, während die andere fror. So war das.

 

27:34

Ein Heldendenkmal an der Bahnstation Dubossekowo, etwa 100 Kilometer westlich von Moskau. Es erinnert an die Heldentat der 28 Panfilow-Soldaten. In vielen Städten sind Straßen und Plätze nach ihnen benannt. Immer wieder wird die Geschichte erzählt, wie sie am 16. November 1941 mit Molotow-Cocktails und Handgranaten 18 deutsche Panzer vernichteten. Sie kamen alle dabei um und wurden postum zu Helden der Sowjetunion ernannt. Menschen bringen ihnen Blumen.

 

Aber die Geschichte von den 28 Panfilow-Soldaten ist nicht wahr. Zweifel kamen noch während des Krieges auf, als fünf der angeblich gefallenen Helden nach und nach lebendig wieder auftauchten. Einer von ihnen geriet in Gefangenschaft und kollaborierte sogar mit den Deutschen – als Polizeichef in einem Dorf bei Charkow.

 

Das Ganze war eine Zeitungsente. Aus dem Armeeblatt „Roter Stern“. Das ist eigentlich bekannt, aber ein Mythos lässt sich schlecht widerlegen. Er lebt weiter. Viele Russen waren empört, als das Zentrale Staatsarchiv 2015 eine Untersuchung der Militärstaatsanwaltschaft aus der Nachkriegszeit veröffentlichte. Wie es wirklich war, will heutzutage in Russland kaum jemand wissen.

 

29:40

Kommissar Wassili Klotschkow:

Brüder! Russland ist groß, aber für einen Rückzug gibt es keinen Platz! Hinter uns liegt Moskau!

 

Die letzte Granate, der letzte Held. Seine Worte hat ihm ein Militärkorrespondent angedichtet. Und 1985, als dieser Film entstand, wusste man, es ist eine Erfindung. Aber sie ist eben wahrer als wahr. Man strickt weiter am Mythos: ein neuer Film über die 28 Panfilow-Soldaten ist in Arbeit.

 

Wahrheit und Propaganda, das ist immer so eine Sache. Fest steht: Die Wehrmacht wurde vor Moskau gestoppt.

 

29:18

Maja Turowskaja:

Mein Mann sagte mir mal: „Glaub ihm nie, wenn ein Journalist, egal ob Konstantin Simonow oder irgendein Korrespondent einer klitzekleinen Divisionszeitung – wenn er sagt, er war an der Front. Es scheint ihm nur, dass er an der Front war. Was er gesehen hat, hat nichts damit zu tun, was ein Soldat macht. Warum? Der Grund ist einfach. Wenn ein Korrespondent einer Zentralzeitung aus Moskau kommt, aber das gilt eigentlich für alle anderen Zeitungen auch, wird er von einem Kommandeur empfangen. Der Kommandeur ist kein Verrückter. Er kann keine Unannehmlichkeiten brauchen. Er will nicht, dass dem Korrespondenten etwas passiert. Er sagt: „Setzten Sie sich in meinem Unterstand!“ Er lässt den Tisch decken und ein paar Soldaten rufen. Sie kommen in den Unterstand und erzählen dem Korrespondenten, was an der Front geschieht. Ein Kommandeur wird dem Korrespondenten selbst einer Divisionszeitung nie erlauben, an die vorderste Frontlinie zu gehen.

 

Maja Turowskaja, Filmwissenschaftlerin und Drehbuchautorin.

 

31:52

Noch so eine große Heldentat im Film. In der Sowjetunion kannte sie jedes Kind. Der Soldat Alexander Matrossow wirft sich vor ein feindliches MG-Nest, um seinen Kameraden den Angriff auf eine deutsche Stellung zu ermöglichen. Eine Propagandaerfindung, die jeder Realität und den Naturgesetzen widerspricht. Dass so etwas physisch gar nicht möglich wäre, wusste eigentlich jeder, der an der Front war. Und trotzdem wurde diese Geschichte für bare Münze genommen.

 

Wiederauferstehung in Doppelbelichtung. Solche Helden sterben eben nicht.

 

33:32

National-patriotische Erziehung unter Putin – Kadetten der Nachimow-Marinehochschule aus Sewastopol besuchen Wolgograd. Gruppenbild vor einer Ruine. Die Stadt wurde zu 85 Prozent zerstört. Nach dem Ende der Kämpfe im Februar 1943 lebten in Stalingrad nur noch 7850 Bewohner, darunter 994 Kinder.

 

Häuserkampf im Spielfilm „Die Stalingrader Schlacht“ von 1947. Das Pawlow-Haus. Ein mythischer Ort. Die Rotarmisten nahmen das Haus im September 1942 ein und hielten die Stellung 58 Tage und Nächte.

 

33:44

Jakow Pawlow im Film „Die Stalingrader Schlacht“

Ich, Sergeant Jakow Pawlow aus der Rodimzew-Garde, habe dieses sowjetische Haus zurückerobert!

 

Pawlow wurde zum Helden der Sowjetunion. Das Haus trägt bis heute seinen Namen.

 

35:13

Das Pawlow-Haus als Symbol für den sowjetischen Widerstand. Nach dem Krieg wurde es als erstes wiederaufgebaut.

 

Stalingrad, der Wendepunkt des Krieges. Der Name Stalins ist auf immer damit verbunden. Nikita Chruschtschow hatte Stalingrad 1961 in Wolgograd umbenennen lassen – im Zuge der Entstalinisierung. Breschnew wagte nicht, das zu ändern. Aber heute mehren sich Stimmen, die eine Rückbenennung der Stadt in Stalingrad fordern.

 

35:09

Maja Turowskaja:

Ich fragte: „Borja, habt ihr „für die Heimat, für Stalin“ geschrien?“ Er lachte laut und sagte: „Stell dir vor, was der Soldat alles mit sich schleppt. Die schweren Stiefel, das Maschinengewehr, alles ist sehr schwer. Du läufst. Selbst wenn du es unbedingt willst, kannst du dann etwas schreien wie: „Für die Heimat, für Stalin!“? Das ist doch einfach unmöglich. Das kann der Kommissar rufen, wenn er zum Angriff aufspringt. Wenn ein Soldat schreit, dann schreit er nur das eine – „Maaaa oder huraaah“. Aber eigentlich schreit er nur „Aaaaa“. Und das hilft ihm, die Luft beim Laufen auszupusten. Beim Angriff – wenn diese menschliche Lawine rollt – schreien die Soldaten tatsächlich sehr oft. Aber dass sie „für die Heimat, für Stalin“ schreien, kann sich nur ein Zivilist vorstellen.

 

Angriff einer Infanterie-Einheit südwestlich von Stalingrad im Sommer 1942. Es fällt nicht schwer zu erkennen, dass diese Filmaufnahmen gestellt sind. Die Rotarmisten fuchteln mit den Händen wie im Kintopp und selbst die Gegner grinsen bei ihrer Gefangennahme. Alles noch einmal – mit dem gleichen Ergebnis, wie man sieht.

 

Der Feind wird dargestellt von rumänischen Kriegsgefangenen.

 

Die sowjetischen Kameramänner unterstanden der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee. Sie waren Kämpfer an der ideologischen Front und oft keine guten Handwerker.

 

Bald erleben die Laienspieler den fürchterlichen Ernst des Krieges bei Stalingrad.

 

37:22

Der Mamaj-Hügel. Wer ihn hatte, kontrollierte das Stadtzentrum und alle Flussübergänge.

Achtmal wurde der Hügel von den deutschen Truppen erobert und achtmal wurde er von der Roten Armee rückerobert. 200 Tage dauerte die Schlacht um Stalingrad. Vom 17. Juli 1942 bis zum 2. Februar 1943.

 

Die Hauptgedenkstätte Russlands wurde 1967 eröffnet. Seit 2008 untersteht sie Moskau direkt.

 

Mutter Heimat ruft! Eine der größten Statuen der Welt. 5500 Tonnen Beton, 2400 Tonnen Metallkonstruktion. Höhe – fast 85 Meter.

 

Hier ruhen über 35000 gefallene Soldaten und Offiziere. Aber das Monument dient nicht allein dem Gedenken der Toten. Es feiert ihren mustergültigen Heroismus. So wollte es der Sowjetstaat. Denn damit feierte er sich selbst.

 

Der Bildhauer Jewgeni Wutschetisch wollte die Namen aller Gefallenen hier verewigen. Eine Stelle im Verteidigungsministerium machte sich an die Arbeit, alle Toten der Stalingrader Schlacht zu zählen. Irgendwann gab sie auf. Der verantwortliche General ließ dem Bildhauer ausrichten, die Zahl sei zu hoch, und er würde sie ihm nicht nennen. Später wurde eine Zahl genannt, eine viel zu kleine: 478 741. Gefallene Soldaten. Die toten Zivilisten hat keiner gezählt.

 

Die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Stalingrad war lange Zeit kein Thema. Im Sommer 1942 lebten in der Stadt etwa 710 000 Zivilisten – Bewohner und Flüchtlinge. Allein am 23. August infolge der schweren Luftangriffe wurden über 40 000 von ihnen getötet. Erst am Tag darauf wurde die Evakuierung von Frauen und Kindern angeordnet – viel zu spät.

Während der Stalingrader Schacht starben – nach Schätzungen russischer Historiker – fast 186 000 Zivilisten.

 

Stalin selbst hatte die Evakuierung zunächst verhindert: „Die Armee verteidigt keine leeren Städte.“

 

38:34

Maja Turowskaja:

Borja hat mich mal gefragt: „Was meinst du, wonach rochen die Stalingrader Steppen im Winter – bei Kälte, bei Frost? Ich sagte: „Weiß nicht, keine Ahnung. Vielleicht nach Leichen?“ – „Nein. Sie rochen nach Veilchen. Warum? In den deutschen Panzern wurde synthetischer Treibstoff verwendet. Und dieser Treibstoff duftete nach Veilchen. So standen in der Steppe zugefrorene deutsche Panzer und rochen nach Veilchen.“

 

40:32

Veilchen – der Mensch erinnert sich anders als der Staat.

 

Der Schauspieler Aleksej Dikij als Stalin. Von Stalingrad, dem Wendepunkt zieht er eine klare Linie nach Berlin, dem Endpunkt.

 

41:18

Der Reichstag. Auch er spielt eine Rolle im sowjetischen Kriegsmythos. Die Siegesfahne sollte unbedingt hier gehisst werden. Stalin hatte es so verfügt. Der deutsche Reichstag als Schlussetappe für den sowjetischen Sieg. Die Filmbilder sind gestellt, die Siegesgefühle aber echt. Endlich ist es vollbracht.

 

Autogramme der Sieger an den Wänden des Reichstags.

 

42:33

Lange Zeit wurde der 9. Mai, der Tag des Sieges, still begangen. Der Schmerz war allzu nah. Veteranen trafen sich privat am Bolschoj Theater in Moskau. Das war ihr Tag. Ihre Umarmungen und Tränen, Blumen und Orden an der Brust lösten Trauer, Rührung, Stolz aus.

 

20 Jahre nach Kriegsende, als der Schmerz nachließ, wurde daraus ein Tag der schicksalhaften Unbesiegbarkeit. Der Staat vereinnahmte das Siegesfeier und Veteranen für sich. Er schrieb ihnen auch vor, wie sie sich an den Krieg erinnern sollten.

 

Die gesamte Erinnerungsliteratur wurde zensiert. Auch die Arbeiten von Historikern. Ist die Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs eigentlich schon geschrieben?

 

„Requiem 1941“. Ein bescheidenes Denkmal an der Fassade der Schule Nr. 110 in einer Gasse im Zentrum von Moskau. Der Bildhauer Daniel Mitljanski hat es seinen Mitschülern gewidmet, die aus dem Krieg nicht zurückkehrten. Einer von ihnen hat 1942 diese Zeilen hinterlassen:

„Gedenkt meiner, ich war ein Mensch des Künftigen. Der Mensch des Künftigen ist Humanist - er stellt den Menschen über alles. Ich starb dafür, dass so die Menschheit wird.“